PASSIONE Verlag

   Cover: Bevor die Sonne aufgeht

 Nach der ersten Sitzung von Helene Schmitt werde ich meine Strategie ändern.

Man sollte die Behandlung fortsetzen, indem Helene mir ihre Familienmitglieder vorstellt.

  »Was sagen Sie dazu, Helene?«

   »Sie sind die Ärztin. Sie wissen, was gut und was falsch ist!«

   »Es gibt keinen Knopf, auf den man drücken kann, um Richtig von Falsch zu unterscheiden. Falsch ist alles, was einem nicht passt. Richtig, was einem gut tut. Jeder Mensch ist anders, er ist einfach so, wie er ist, und es gibt keine allgemeingültige Definition, ohne jemanden persönlich anzugreifen.

Die Art, wie Sie Ihre eigene Geschichte formulieren, würde ich in Ihrem Fall als richtig bezeichnen, um am Ende der Vorstellung einen Überblick über die Situation in Ihrem Inneren zu haben.«

Stille.

Ohne Einfluss zu nehmen, zeigt mir die Erzählung von Helene den richtigen Weg, der mir als Psychologin dabei helfen soll, meine Patientin zu verstehen, die dunklen Löcher ihres Lebens zu entdecken, sie ans Licht zu bringen, sie beim Namen zu nennen, um sie danach wieder ruhen zu lassen.

   »Was ist bei mir anders als bei den anderen Patienten, oder ist meine Geschichte eine von den vielen dieser Welt?«, fragte Helene und brach dadurch das Schweigen.

   »Die Wissenschaft sucht nach Zauberformeln, um Menschen und ihre Schicksalsschläge einzuordnen. Man hat einen Weg gefunden – den klassischen Weg der Wundheilung. Man geht durch die Tür der Praxis, nimmt alles in Kauf, gibt alles über sich preis, hört zu, weint, ist verzweifelt, ist selbst über seinen Mut und die Tiefe des Geschehens überrascht.

Man steht vom Sessel auf, hat das Gefühl, alles gesagt zu haben, was helfen könnte, der Misere des eigenen Selbst zu entfliehen, um wieder frei atmen zu können.

Man kehrt immer wieder zurück, eine Sitzung nach der anderen, mit neuen Zielen, mit alten Gedanken, mit Ängsten, die gestern noch nicht da waren, doch heute so präsent sind, dass man gleichsam das Gefühl hat, sie wären so alt wie die Menschheit selbst.

Man fährt dort fort, wo man aufgehört hat, ohne eigentlich zu wissen, wo der Anfang ist.

Nach der letzten Sitzung verlässt man die Praxis, schließt die Tür vorsichtig hinter sich und erwartet gespannt, die Veränderung am eigenen Leib zu fühlen.

Während der ganzen Behandlung hat man nie das Verlangen in sich gespürt, diese Veränderung der eigenen Gefühle wahrzunehmen, obwohl jeder Besuch einen Meilenstein auf dem Weg der Heilung darstellt.

Nichts hat sich geändert, weder die Person noch die Absichten, weder ihre Träume noch ihre Ängste. Sie haben eine andere Farbe bekommen. Man hat gelernt, sie zu bändigen, sie zu unterdrücken. Man ist auf einmal Herr über sich selbst.

Die Psychologie verändert nicht den Menschen, sie hilft dem Menschen, sich so zu entdecken, damit man mit sich selbst Frieden schließen kann.

Der Psychologe ist eine Art Priester der menschlichen Vernunft, als wäre die Vernunft stets bereit, eine Beichte abzulegen, um Licht in die dunkle Materie der Zeit zu bringen.«

   »Sie lieben Ihren Beruf, nicht wahr?«, fragt Helene. Ihre Augen funkeln.

   »Er bedeutet mir alles. Er ist der Schöpfer meines neuen Lebens. In ihm habe ich die Kraft gefunden, den Teil meines Selbst zu bändigen, der mich voller Hass aus dem Bann meiner Vernunft zog, um mich auf unbekannte Wege zu geleiten.

Mein Beruf – ich könnte mir keinen besseren Partner vorstellen.«

Ich fange an, leise zu lachen, denn die Vorstellung erscheint verheirateten Paaren vermutlich skurril.

   »Sind Sie verheiratet, Helene?«

   »Nein, ich habe nie den Mut gehabt. Ich hatte Angst, dass der Krieg erneut ausbrechen könnte. Diese Angst hat mich jahrelang verfolgt. Und Sie?«

   »Auch nicht.«

   »Dann haben wir etwas gemeinsam.« Helene hat Tränen in den Augen, ihr Gesicht ist rot, ihre Kehle zittert, sie reibt sich die Hände aneinander, atmet schnell und unkontrolliert.

   »Wie geht es Ihnen?«, frage ich ängstlich.

   »So geht es mir seit Jahren, Esperanza! Seit vielen, vielen Jahren!«

Danach versinkt Helene in Schweigen.

Zum ersten Mal nennt mich Helene beim Namen! Es ist wie Balsam für mich, ich bewege meinen Kopf nach links und nach rechts, als wollte ich das Wort riechen, um es besser einordnen zu können.

Wem gehört diese Stimme? Die Art, wie sie meinen Namen ausgesprochen hat, wie sie ihn über die Lippen gebracht hat?

Helene entscheidet sich, diese Sitzung ihrer Mutter zu widmen:

   »Ich stellte mir als Kind vor, eine Mutter sollte so viel Liebe und Stärke haben, dass sie festhalten und loslassen könnte, ohne ihr eigenes Kind in Gefahr zu bringen. So war meine Mutter, der Engel in der Dunkelheit meiner einsamen Jugend. Sie füllte mit ihrer Liebe und Gutmütigkeit die Löcher meiner traurigen Realität und half mir dabei, meine wahre Herkunft nicht zu vergessen. Sie hörte mir zu, drang tief in meine Gefühle ein, um mir den richtigen Weg in die Zukunft zu zeigen.

Ihr und Marie verdanke ich, dass ich am Leben bin. Und Vater natürlich.«

Eigene Notiz: Hier stellte ich zum ersten Mal einen Zwiespalt der Gefühle fest. Es gibt einen Teil an Helene, von dem sie nicht spricht. Er ist stark und so schmerzhaft, dass sie sich nicht traut, ihn zu berühren. Wahrscheinlich ist genau dieser Teil die Lösung.

Vielleicht fühlt sich Helene mehr zur Mutter hin-gezogen, weil die Mutter ihren Glauben und ihre Religion nach jüdischer Tradition an die Kinder weitergibt.

Der Vater gehört zu dem Teil des Geschehens, der dafür verantwortlich war, dass täglich Tausende von Menschen vergast und verbrannt wurden.

Sie gab ihrer Mutter die Liebe als Ganzes, respektierte wiederum ihren Vater, den sie in ihrem Unter-bewusstsein als Feind und als Grund des Problems betrachtete.

Ungewollt und unabhängig davon muss ich an Mutter und Heinrich denken, ihnen wurden die gleichen Rollen zugeteilt.

Ich hoffe, auf dem richtigen Weg zu sein, um Helene helfen zu können.

Vielleicht werde ich dadurch auch eine Lösung meiner eigenen verrückten Gefühle finden …

Ich bin Gott dankbar, Helene zu mir geführt zu haben!

   »Meine Mutter hat ein Leben lang nach ihrer Schwester gesucht. Nach dem Ende des Krieges haben wir jahrelang versucht, wenigstens ein Indiz für ihre Existenz zu finden. Vergeblich!

Die Deportation der eigenen Schwester kurz nach dem Ausbruch des Krieges hat Narben hinterlassen, und Mutter fing unbewusst an, die Liebe zu meinem Vater in Hass zu verwandeln. Aus dem perfekten Familienleben, das ich kennenlernen durfte, wurde ein Alptraum.

   ›Weil ihr alle so kalt seid, weil ihr alle so denkt, weil ihr keinen Mut habt, dem Hass ein Ende zu setzen, müssen Menschen sterben! Du bist ein Teil der Todes-maschine, die Europa vernichtet! Du bist einer von ihnen, und dafür hasse ich dich!‹, beschimpfte sie Vater und machte ihn für alles in der Welt verantwortlich.

Manchmal hatte ich Angst, mein Vater würde uns eines Tages verraten, um Ruhe zu bekommen. Die Wutanfälle meiner Mutter häuften sich und machten sie unerträglich.

Sie zog zu mir und Marie ins Zimmer und ließ Vater allein. Er durfte uns nicht mehr in die Arme nehmen, nicht mehr mit uns allein irgendwohin fahren, sie musste immer dabei sein.

Mein Vater ging seinen Verpflichtungen ohne uns nach. Er hatte Angst, sie könnte in ihrer Verwirrung eine Dummheit begehen, die für uns hätte tödlich ausgehen können.

   Eines Tages ist er morgens früh weggegangen und nicht mehr zurückgekommen.

   Wenige Monate vor seinem Tod lernte er eine Nichtjüdin kennen, er hat aber weiterhin dafür gesorgt, dass es uns gut geht. Er hat meine Mutter abgöttisch geliebt, und diese Liebe hat keine andere Frau in seinem Leben ersetzen können.

   Meine Mutter hat nie wieder geheiratet. Ich und Marie haben uns um sie gekümmert.

   Als Marie mit dreiundzwanzig geheiratet hat, brach eine Welt für Mutter zusammen. Sie bat mich, für immer bei ihr zu bleiben, und ich habe es ihr versprochen. Ich war es ihr schuldig nach allem, was sie für mich vor vielen Jahren getan hatte.

   ›Geh nicht zurück, Helene! Lass mich nicht im Stich, mein Kind!‹, wiederholte sie ständig. Sie hatte Angst, dass ich sie verlassen könnte und nie wieder zurück-kehren würde.

Ich habe sie verstanden und habe versucht, sie so zu nehmen, damit sie in Ruhe ihren Weg bis zum Ende gehen konnte.

Meine Mutter ist vor zwanzig Jahren an Krebs gestorben.

Kurz vor ihrem Tod versuchte sie, sich bei allen zu entschuldigen:

   ›Ich habe ihn geliebt, und meine Liebe zu ihm wurde vom Hass vernichtet. Heute weiß ich, dass ich all die Jahre falsch lag, weil er niemals den Gang der Ge-schichte hätte ändern können. Peter hat alles versucht, was in seiner Macht stand, um seinen Arbeitern zu helfen. Es war kein Muss, er hat es aus Liebe getan. Nun fühle ich mich wie eine Buchseite, die plötzlich ihren Inhalt verloren hat.

Marie, deine Geburt war wie ein Sonnenschein in meinem Leben. Du warst ein Wunschkind, um das wir gekämpft haben!

Verzeih mir, deinem Vater gegenüber so undankbar gewesen zu sein! Er hatte es nicht verdient, dich zu verlieren. In meinem Inneren weiß ich, dass er dich über alles geliebt hat, so wie ich dich auch, mein Kind!

Helene, es war für mich eine Ehre, dich an meine Brust zu drücken!

Vom ersten Tag an habe ich diese Anziehungskraft in mir gespürt, die mir geholfen hat, dich zu verstehen. Ich hoffe, meine Aufgabe als Mutter gut gemeistert zu haben. Wenn nicht, dann bitte ich dich jetzt um Verzeihung!‹

   Es mussten so viele Jahre vergehen, so viel musste geschehen, bis meine Mutter ihre Fehler einsah. Ihre Fehler und ihre guten Taten in ihrem bewegten Leben.«

 

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