
Surface
von Elisa Wenz - geboren 1998
Vor langer Zeit, als das Wasser noch rein war und sich die Felder der Bauern von Heusenstamm noch bis hinter den Horizont erstreckten, gab es einen Engel. Man sah ihm nicht an, wie alt er schon war, denn Engel sind ja zeitlos, aber in seinem Herzen fühlte er sich schon sehr alt.
Sein Name war Surface, was in der englischen Sprache Oberfläche bedeutet. Der Engel hatte langes, blondes Haar, kristallblaue Augen und eine helle Haut. Er trug ein Gewand, auf dem verschiedene Tierarten gedruckt waren. Seine Bewegungen waren geschmeidig wie aus Seide.
Die Vögel glitten bei seinem Anblick zeitlos über den Himmel und vergaßen dabei ihren Gesang.
Surface wohnte in den Wurzeln eines riesigen Baumes, der bis in den Himmel ragte.
An einem Tag verspürte der Engel, dass er bald zu seinem Meister in den Himmel zurückkehren müsste. So setzte er sich auf den obersten Ast und dachte daran, wie er nach Heusen-stamm gekommen war …
›Damals war ich noch jung und unerfahren. Am deutlichsten erinnere ich mich an Ayla, das Bauernmädchen.
Als ich ihr zum ersten Mal begegnete, war das Mädchen gerade dabei, reife Äpfel zu ernten.
Ihr Bruder schmiss den Korb um und die kostbaren Früchte fielen auf den Boden.
Ayla öffnete weit ihre Augen. Ihr von Angst entstelltes Gesicht blieb mir auch Jahrhunderte danach wach in Erinnerung.
Schnell versteckte ich mich in einem Gebüsch. Eine Elster flog aus ihm heraus. Ayla sah zu mir herüber, obwohl ich mir sicher bin, dass sie mich nicht sehen konnte.
Wir Engel sind für die Menschen unsichtbar. Sie spüren zwar, dass wir in ihrer Nähe sind, doch sehen können sie uns nur selten, meistens in Augenblicken der Angst oder der Not. Warum das
so ist, weiß ich leider nicht.
Ayla und ihr kleiner Bruder Venez schulterten ihre Körbe und machten sich auf den Weg. Das Mädchen hatte eine gewaltige Last im Korb, der Junge dagegen wesentlich weniger, aber für seine Größe und sein Alter war seine Kraft erstaunlich.
Ayla bückte sich nach einem verschrumpelten Apfel, der eben aus dem Korb gefallen war. In Zeiten der Not war jeder Bissen wichtig.‹
Aus ihren Erinnerungen gerissen, versuchte Surface an andere Sachen zu denken, aber es gelang ihr nicht. Die leidenden Blicke des Mädchens, das sie in ein paar Monaten wiedersehen würde, gingen ihr nicht mehr aus dem Kopf. Es waren entschlossene Blicke, ein wenig müde, die den Engel erneut durchbohrten. Sie drangen bis zu seiner Seele durch, und Surface fiel es auf einmal schwer, die richtigen Worte zu finden.
»Die Monate vergingen und immer noch dachte ich an Ayla und Venez. Seit jenem Herbsttag unserer ersten Begegnung hatte ich sie nicht mehr aufgesucht. Inzwischen war es mitten im Winter.
Plötzlich hatte ich ein merkwürdiges Gefühl. Ich zog in Eile mein warmes Wintergewand an. Fellstiefel wärmten meine Füße. Ich wählte den Waldweg, weit weg von den Häusern der Menschen. Die Luft war eisig, der Bieberbach, der im Sommer ganze Bäume hätte mit sich reißen können, war zugefroren.
Auf der dicken Eisschicht, eher gleitend als laufend, sah ich die beiden Geschwister wieder. Venez rutschte auf einmal über das Eis und lachte. Ayla packte ihn fest am Arm und zog ihn zu sich.
Einige Schritte weiter hielt sie an. Sie holte einen Holzspachtel aus einem Bündel und hackte auf das Eis ein, um Wasser zu holen. Um ihre Taille baumelten sieben Feldflaschen, und auch Venez trug zwei Flaschen an seinem Gürtel.
Das Mädchen hackte immer weiter auf das gefrorene Wasser ein. Ihre Hände, die zuvor rot waren, färbten sich langsam lila und schmerzten fürchterlich.
Und während Aylas Bewegungen immer schneller wurden, schenkte ich ihren Händen so viel Wärme, dass die Haut erneut einen rosaroten Ton erlangte. Das Mädchen bemerkte sofort die Änderung. Sie ließ den Holzspachtel aus der rechten Hand fallen, beinah wäre dieser in das Loch im Eis gefallen, und Ayla konnte einen verzweifelten Schrei kaum noch unterdrücken.
Schließlich hob sie ihren Blick und schaute verwirrt um sich. Einen Augenblick lang hatte ich sogar das Gefühl, Ayla hätte mich gesehen, während ihr Blick eine Zeitlang auf mir ruhte.
Danach bückte sie sich und hob den Spachtel auf. Nun schien die Arbeit schneller zu gehen.
Ich saß lange auf dem zugefrorenen Fluss und beobachtete die Geschwister. Das Loch im Eis wurde immer größer, bis schließlich Wasser hervorkam.
Ayla wusch sich den Schweiß von der Stirn – mein Zauber hatte gewirkt. Sie bückte sich und ließ Wasser in die Feldflaschen laufen. Als alle Flaschen voll waren, trat sie einige Schritte zurück, setzte sich auf das Eis, zog die Beine an ihren Körper und senkte den Kopf in den Schoß.
Venez ging auf das Loch zu und beugte sich darüber. Es dauerte eine Weile, bis seine erste Flasche volllief. Ungeduldig öffnete er die zweite Flasche und beugte sich noch tiefer über das Loch. Ayla hörte plötzlich ein lautes Geräusch. Aus ihren Gedanken gerissen, sah sie in Richtung ihres Bruders. Dieser hatte das Gleichgewicht verloren und war in den Fluss gefallen. Sie rannte zu der freigelegten Stelle und beugte sich über den Rand. Verzweifelt rief sie ihren Bruder beim Namen, immer und immer wieder.
Danach brach sie zusammen.
Traurig flog ich davon.
Die Jahrhunderte vergingen. Ich begegnete vielen Kindern während meiner Tätigkeit als Schutzengel. Jedes Mädchengesicht erinnerte mich an Ayla und jedes Jungengesicht an Venez.
Damals war ich noch zu unerfahren, um den Tod des Bauernjungen und den der vielen kleinen Kinder, die in jenem eisigen Winter starben, verhindern zu können.«
Der Engel dachte noch lange über die Vergangenheit nach.
Als die Sonne Stück für Stück am Horizont unterging, blickte er zum Himmel hinauf. Ein letztes Mal seufzend breitete er seine Flügel aus, die in den Farben der untergehenden Sonne leuchteten.
»Ich habe so viel hier auf Erden gelernt!«, rief er zum Himmel hinauf. »Alles ist vergänglich – das Schuldgefühl, die Angst, der Zorn. Alles auf dieser Welt. Nur das Leben hält ewig – vielleicht nicht auf Erden, nicht als eine Hülle aus Fleisch und Blut! Die Seele lebt ewig! Sie vergeht nicht! Sie lebt weiter! Im Himmel!«
Im nächsten Augenblick wurden seine Flügel eins mit der glühenden Sonne.
Die Asche verstreute sich über ganz Heusen-stamm, während seine Seele als ein goldener Faden in den Himmel stieg.
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