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LESEPROBE:
An deiner Seite
von Adrianne Hermina Popa
Die Zeit vor unserer Zeit
Erinnerst du dich noch an den wunderschönen Moment, als
ich entstand?
Dieser einzigartige Augenblick, der nicht länger war als
eine Sekunde – mit ihm bekam dein Leben einen neuen Sinn. In einem
einzigen Augenschlag entstand aus dem Nichts neues Leben.
Meines.
Deines.
Hast du
gespürt, wie dein Körper mich aufnahm, mir Wärme zusicherte und die
tiefste Liebe der Welt? Oder tat er einfach nur das, was er sich am
meisten wünschte?
Oder war
es nur an der Zeit, dem Leben zu zeigen, wie wunderschön es ist, wie
einmalig dieses Gefühl in uns lebt, wie tief und unendlich schön die
Empfindung einer werdenden Mutter sein kann?
Nichts ist
schöner als dies, nichts ist reiner.
Nichts
vergeht so schnell wie dieser kurze und ewige Augenblick, in dem aus dem
Nichts ein neuer Lebensfunke entstand.
Meiner.
Deiner,
Mama!
Denn mein
Leben gehört nur dir. Mein Leben ist Teil deines Lebens. Nur ein
einziges Leben. Aus ihm nimmst du einfach das Beste, um es mir zu
schenken. Ich danke dir!
Seit jenem
Zeitpunkt meiner Entstehung trage ich in mir diese unendlich große
Dankbarkeit, dass es dich gibt. Dass es mich gibt. Dass ich ein Teil von
dir bin. Der Teil, der nur dir gehört.
Dir und
mir.
Uns
beiden!
Dies ist
mein erster Brief an dich, aus der Zeit, als es mich noch nicht wirklich
gab.
Doch ich
war schon dort – in deinem Inneren, in dem wundervollsten Schlupfloch
der Welt. Nicht einmal das Paradies kann so schön, so wunderschön sein!
Selbst die Sonne kann nicht so viel Wärme schenken wie mein allererstes
Zuhause auf diesem Planeten.
Weder
Gedanken, schöne und unschuldige Gedanken, noch Gefühle, tiefe und
ehrliche Gefühle, können mehr Liebe erzeugen als mein erstes Zuhause.
Der schönste Platz der Welt. Der wärmste Platz der Welt.
Das
liebevollste Versteck der Welt war dein Leib, Mama!
Mein
allererstes Heim in einer Welt, die ich noch nicht kannte. Ehrlich
gesagt, ich wollte sie auch noch nicht kennen. Ich wollte nur bei dir
sein, dich mit niemandem teilen, dich nur für mich alleine haben.
Wie
egoistisch, nicht wahr?
Meine
Liebe zu dir war und wird für immer egoistisch bleiben.
Ich will
es einfach so.
Das ist
auch gut so.
Und so
soll es sein. Hab keine Angst!
Hab keine Angst! – sind
das nicht deine Worte, Mutter?
Vielleicht
wirst du dich nun fragen, wie ich mich an diese Augenblicke meiner
Entstehung erinnern kann. Ist es überhaupt möglich, sich an etwas zu
erinnern, das älter ist als wir selbst?
Ja,
Mutter, ich erinnere mich sehr gut an die einmalige Zeit meiner
Entstehung: Ich spüre die Liebe in deinem Herzen, die sich mit der Liebe
meines Vaters verbindet, um einer neuen und noch unbekannten Liebe eine
erste Lebenschance zu schenken.
Ich
erkenne das Licht ... den Urknall ... den Bruch, aus dem ich entstand.
Der winzige Träger einer grenzenlosen Liebe, die eure nassen Körper
durchdrang, um mich zu finden. Dort – in der Tiefe einer unerklärlichen
Materie, die keine Wissenschaft dieser Welt in Worte fassen kann.
Wie soll
man sie in Worte fassen, wenn diese Materie nicht vom Menschen
geschaffen wurde? Sie ist außerirdisch.
Sie ist
göttlich.
Die
Materie, die tief in uns eindringt, ohne dass wir es merken.
Materie –
was ist überhaupt Materie?
Woher
kommt sie?
Warum
bleibt sie hier auf der Erde und lässt uns sie aufnehmen?
Warum sind
wir selbst diese Materie? Wir, die eigentlich nicht wissen, wer wir
sind, woher wir kommen, warum wir da sind und wohin wir gehen.
…
Ich sitze
hier im Eiscafé und warte auf meine Mutter. Ich würde ein Leben lang
hier sitzen, um auf sie zu warten. Die restliche Zeit meines Lebens
scheint nicht lang genug zu sein, um auf sie, meine Mama, zu warten.
Hier, in
diesem Eiscafé, habe ich als Kind das leckerste Eis der Welt von ihr
bekommen.
Erinnerst
du dich, Mutter?
Welches
Kind liebt kein Eis?
Welches
Kind liebt keine Mutter?
Gibt es
ein Eis auf dieser Welt, das besser schmeckt als deine Liebe zu mir?
Nach so
vielen Eisbechern in meinem Leben kann ich dir sagen: Du bist die beste
Eissorte der Welt – Vanille, Schokolade, Erdbeere … alles in einem.
…
Liebe Mutter,
dies ist mein letzter Brief an dich aus dieser Zeit.
Eines Tages wird die Welt nicht mehr so sein, wie sie für
uns immer war. Sie wird ohne dich oder ohne mich weiterleben müssen. Sie
wird weiterleben!
Nur unsere Zweisamkeit wird eines Tages aufhören, ein
Teil von ihr zu sein, an dem Tag, an dem sich unser Kreis schließen
wird, um damit unserem allerletzten Traum die letzte Chance zu nehmen.
Ich sehe dich kommen.
Viele
Jahre haben dich berührt. Du hast dich verändert, doch für mich bist du
unverändert, Mama. Für mich wirst du immer die schönste Mutter der Welt
bleiben!
Ich sehne
mich nach dir, nach deinem Unterleib, der mein erstes Zuhause war, ich
sehne mich nach deiner Stimme, die mich zum Schlafen brachte.
Ich
vermisse deine Worte, deinen Geruch, ich liebe dein Verständnis und dein
Aussehen, ich brauche deine Hilfe und deine Vernunft.
Vieles ist
noch offen, und wenig Zeit ist geblieben. Werden wir es rechtzeitig
schaffen, alles zu Ende zu führen, bevor uns alles genommen wird?
Den Tag
ohne dich werde ich nicht annehmen wollen. Ich habe Angst vor ihm. Ich
weiß, dass er schon unterwegs ist. Ich will ihn nicht erleben. Kann ich
etwas daran ändern?
Du würdest
mich anlächeln und vielleicht sagen:
»Das ist
das Leben, mein Kind. Unser Leben!«
Ich kenne
dieses Leben nicht, Mutter. Ich kenne das Leben, das mich zum Leben
erweckt hat. Ich kann ohne dieses Leben nicht leben lernen. Ich bin viel
zu alt dafür.
Du kommst
immer näher, du rufst nach mir.
Ich winke
schnell und schreibe die letzten Sätze:
Ich werde
immer für dich da sein, Mama, dich nie vergessen!
Ich werde
dich immer in meiner Nähe spüren, dich immer um Hilfe bitten.
Ich werde
bei dir sein, um dich zu versorgen, so wie du mich vor vielen Jahren mit
deiner ganzen Mutterliebe versorgt hast.
Werde ich
dir jemals danken können für alles, einfach für alles?
Noch ein
Satz?
Ich liebe
dich, Mama.
Du bist die beste MAMA der Welt!«
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