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LESEPROBE:
Bevor die Sonne aufgeht
von Adrianne Hermina Popa
November 1941
Mitten in der Nacht
verlassen wir das Ghetto.
Der Bahnhof scheint wie
verwandelt zu sein …
Als die Tür des Güterzuges
gewaltig zugeht und verriegelt wird, versuche ich in der Dunkelheit eine
Stütze zu finden. Ich habe Angst, nach Isaak zu fragen.
Auf einmal höre ich die
Räder sich an den Gleisen reiben, so als hätten sie das ganze Gewicht
der Menschheit auf ihren Schultern zu tragen.
Der Zug setzt sich in
Bewegung. Die Dunkelheit gebärt grauenvolle Geräusche, während
Frauen-stimmen nach Hilfe und Vergebung rufen
Der Zug verlässt den
Bahnhof, um mich in den finsteren Tod zu begleiten, man kann ihn riechen
und spüren – den Tod, der immer näher kommt.
Der Zug fährt weiter. Die
Dunkelheit schließt ihre Ohren und entscheidet sich, nicht nachzugeben.
Gott hat schon längst die Flucht ergriffen. Irgendwann hören die Rufe
auf.
Die Angst wächst mit
jedem Millimeter, mit jeder Erinnerung an die alten Zeiten. Die Last
erdrückt mich einfach, und ich fange plötzlich an, den Koffer meiner
Kinderseele zu leeren. Ein Kindertraum nach dem anderen landet auf dem
kalten Boden des Waggons. Das erreichte Gefühl erwärmt mich, und sei es
nur für ein paar Minuten.
Es ist kalt, meine nackte
Seele fängt an zu frieren. Es ist eiskalt, die Dunkelheit verbreitet
sich – sie bohrt sich durch meinen schmalen Körper, um dort noch mehr
Schaden anzurichten.
Und plötzlich höre ich den
Tod selbst zu mir flüstern:
»Ziehe deine Seele aus!
Gib deine letzte Hoffnung endlich auf, ich bin hungrig auf dein junges
Leben!«
Ich schaue in seine tiefen
und kalten Augen – der Tod schaut weg und setzt seine Reise fort.
Der Zug fährt weiter.
Die Räder rattern.
Gefühllos. Pausenlos.
Man hört die Stimmen der
Neugeborenen – sie schreien nach Nahrung.
Man hört wieder die
Stimmen der älteren Frauen, sie sprechen leise.
Diese feuchte und kalte
Düsterkeit ist trügerisch, es ist kein arisches Blut in dem
Güterwaggon.
Stille herrscht für wenige
Augenblicke.
Weinende Kinder.
Verzweifelte Worte, die
von Angst gejagt werden, sie versuchen dabei, sich zusammenzufinden, um
einen einzigen Satz aussprechen zu können:
Wir werden alle sterben!
Lautes Weinen.
Stöhnen.
Hoffnungslose Gebete.
Eine Mischung aus Angst
und Ahnungslosigkeit.
Der Gedanke, dass bald das
Ende kommt.
Der Durst ist grausam.
Der Hunger schmerzt.
Die Kälte bringt unsere
Körper immer näher.
Der Zug fährt und hält
nicht an, und irgendwann hören die Kinder auf zu weinen.
Die Frauen bringen ihr
letztes Wort zur Welt, um es danach in einem Meer von Tränen zu
versenken.
Als alles ein Ende nimmt,
kehrt Ruhe in dem Güterwaggon ein, nur die Kälte führt Einzelgespräche
und versucht, die Anwesenden zum Gespräch zu animieren. Ohne Erfolg. Die
Zungen sind wie erfroren.
»Bist du alleine
hier?«, fragt mich eine ältere Frau, die neben mir sitzt.
»Nein, Isaak müsste
auch da sein. Es ist zu dunkel, ich sehe nichts.«
»Kleines Mädchen – es
sind keine Männer in dem Waggon. Die Männer werden getrennt von uns
Frauen in den Tod geschickt.«
»Also doch!«
»Schlaf, Kind! Es ist
besser so. Wer weiß, wie lange die Reise ins Unbekannte dauern wird ...«
»Ich habe Angst
einzuschlafen.«
»Hab keine Angst! Ich
werde bei dir bleiben. Du bist nicht alleine! Keine Angst!«
Die alte Frau zieht ihren
Mantel aus und legt ihn über sich und mich.
»Bald wird es dir
besser gehen, Kind.«
Ich lege meinen Kopf an
die Brust der alten Dame. Ich höre ihr Herz schlagen, kehre zurück in
die Vergangenheit und finde den Tag wieder, als ich zum ersten Mal in
meinem Leben ein Herz schlagen hörte. Ich schlafe ein, während das
fremde Herz neben mir weiterschlägt.
Als der Zug plötzlich
bremst, kehren Leben und Angst in den Waggon zurück.
Das Rattern der Räder hat
aufgehört.
Stimmen – laut und
hoffnungslos.
Die Kinder weinen.
Die Kälte scheint noch
gewaltiger zu sein.
Neugier – sie übertrifft
jede Vorstellung.
Copyright 2008 Passione Verlag
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