|
LESEPROBE:
Dave
von Adrianne Hermina Popa
»Leb
wohl, Dave!«
Dave
schaut mich an und schweigt.
Sein
Schweigen dringt tief in mich ein, wie die Kälte des Winters, als ob
mein Körper das letzte Ufer – der allerletzte Hafen – vor der Reise ins
Nichts sei.
Kein
Wort findet mehr den Mut, aus seinem wohlgeformten Mund herauszuströmen,
meinen frierenden Körper aufzuwärmen, ein letztes Wort, vielleicht wird
es bald schon zu spät sein, um die Silben eines neuen Versuches zu einem
allerletzten Wort zusammenzufügen …
Seine
Augen – tiefschwarz, wie immer –, ich vergleiche sie mit zwei reifen
Oliven, die an einem winzigen Ast hängen, einsam, für mich so
wunderschön. Für einen einzigen Augenblick habe ich das Gefühl, zwei
grüne Olivenbaumblätter erkannt zu haben, in der Tiefe seiner dunklen
Augen entdecke ich plötzlich das grüne Licht der Hoffnung, zum ersten
Mal, und ich frage mich, ob es nur Einbildung sei.
Tränen
laufen über mein Gesicht, ich spüre den Hass meiner inneren Welt,
prallend gegen die Sturheit seiner Männlichkeit – oh, mein Gott, wie ich
diese Sturheit hasse!
Wut
steigt in mir empor, meine Wangen werden rot, meine Glieder zittern
unkontrolliert, in meiner Kehle hat sich ein Knoten aus Angst und Reue
gebildet.
Ich
schließe die Augen und versuche, eine letzte Spur meiner Liebe zu Dave
zu finden.
Vergeblich!
Er hat
mich zutiefst verletzt, ich kann ihn unmöglich noch lieben.
»Leb
wohl, Dave!«
Ich
lege den silberfarbenen Füllhalter beiseite und schließe vorsichtig das
Notizbuch.
Im
nächsten Atemzug werde ich bestimmt die Kraft in mir finden, den Raum
des Geschehens zu verlassen.
Für
immer!
»Leb
wohl, Dave! Es wäre viel zu schön, um wahr zu sein, nicht wahr?«
Dunkelheit herrscht im Raum, ich werde allmählich ein Teil von ihm.
Es
mussten einige Tage nach unserer Trennung vergehen, bis ich wieder zu
mir kam.
Seine
wahre Liebe vergisst man nicht so schnell. Im Gegenteil! Keine Liebe im
Leben einer Frau ist so stark, so rein und so naiv …
Zwei
Jahre lang war ich in Dave über beide Ohren verliebt. Ich liebte alles
an ihm: Er war nur einen Kopf größer als ich. Ich wollte niemals einen
großen Mann haben, bei dem ich auf die Fußspitzen gehen müsste, um ihm
in die Augen zu schauen. Ich war immer bestrebt, Menschen in meinem
Leben aus der gleichen Perspektive zu betrachten. Meine Art der
Selbstverteidigung – sie sollte mich vor der Arroganz der Menschheit
beschützen.
Also
suchte ich stets meine Freunde und Liebhaber nach einem bestimmten
Schema: gut aussehend, fröhlich, zärtlich. Ich wollte ihn haben, den
Mann meiner Träume, eine eigene Mischung, die ich täglich neu erfand, um
die Hoffnung nicht aufgeben zu müssen.
Ich
suchte verzweifelt nach meiner besseren Hälfte, nach den schönsten Augen
der Welt. Ich liebe schwarze Augen, sie rahmen ein Gesicht ein, geben
ihm Form und Farbe, lassen es sprechen, lassen Träume zu Wort kommen und
machen es für mich lebendig machen. Nur für mich!
Seine
Haut – wie ein feines Pergament, das eine ständige Metamorphose
durchlebt, ein heller Hintergrund, der im Sommer Rauheit und Bräune
aufnimmt, um reifer und erfahrener zu wirken.
Ich
wollte diese Schöpfung für mich vollenden, ihr einen wunderschönen roten
Mund ausmalen, volle und weiche Lippen, die bei dem leichtesten Biss das
zarte Fleisch weinrot werden lassen, und wenn es möglich wäre, nach
reifen Trauben schmecken.
Mit
einem feinen Echthaarpinsel strich ich nächtelang über die Konturen
seines Mundes, mit zitternden Händen erreichte ich die Mitte der
Oberlippe und ließ den Pinsel auf dieser Stelle ruhen, bis ich das
gewünschte Farbergebnis erreicht hatte.
Ja –
ich habe Nächte damit verbracht, seinen Mund zu formen, ihm Farbe und
Lebendigkeit zu schenken. Sein Mund – Teil meiner Träume ...
Als
Dave seinen Mund das erste Mal öffnete, erkannte ich den Glanz seiner
Zähne, und als seine Zähne die Unterlippe leicht berührten und leicht
zusammenpressten, konnte ich die Süße der besten Weintraubensorte
schmecken, die jemals unter der Sonne reifen durfte.
Seine
starken Arme, die seit Jahren nur nach mir suchten, sie waren kräftig,
männlich, voller Wärme und Zärtlichkeit. Sie bewegten sich magisch vor
mir, als hätten sie den Vorhang aus zähen, elastischen Fäden, der sich
wie ein Spinnennetz trennend zwischen uns stellte, zu entfernen
versucht. Erst dann traute er sich einen nächsten Schritt zu machen, um
mich eines Tages – im Hafen der wahren Liebe – sicher zu erreichen.
Die
Wärme seines Oberkörpers, die zarte Haut, die jede Bewegung
entschlossener machte – ich schloss instinktiv die Augen und atmete
seinen Duft tief ein. Wäre er noch Lichtjahre von mir entfernt, hätte
ich Dave dennoch erkannt! Sein Geruch einzigartig – mit keinen Worten
dieser oder einer anderen Welt zu beschreiben.
Eines Tages legte ich los, um nach ihm zu suchen. Das Werk meiner
schlaflosen Nächte war vollbracht.
Ich war
mir bewusst, dass es kein leichter Weg sein wird, ich würde öfters
stolpern, sogar hinfallen und könnte von einem falschen Lächeln
enttäuscht werden. Es gibt so viele schwarze Augen auf der Erde und
meine Aufgabe, die richtigen herauszufinden, könnte Jahre dauern.
Ich
spürte in meinem Inneren die Kraft seines Körpers, die Wärme seines
Blutes und fühlte mich stets von dem Geruch seiner Haut begleitet.
Keine
Angst, Zeit und Raum zu überschreiten, verschlungene Wege zu passieren,
die Membran der Realität zu durchbrechen, bis ich ihn finden würde:
meinen Traummann.
Kein
Weg zu steil, zu lang, zu gefährlich. Kein kalter Regen, kein starker
Wind, keine eisigen Temperaturen hätten mich abhalten können. Ich war
bereits unterwegs, auf der Suche nach meiner wahren Liebe.
Fest
entschlossen, sie zu finden.
Fest
davon überzeugt, dass es sie gibt.
Die
Jahre der Enttäuschung vergingen, und ich näherte mich langsam meinem
40. Geburtstag. Keine männliche Haut, die ich bis zu jenem Zeitpunkt auf
meinem Weg kennengelernt hatte, roch wie seine, keine Lippen schmeckten
nach Trauben, keine Augen konnten mich so faszinieren wie Daves Bild –
tief in mir verankert.
Ich
fing an, mich mit dem Gedanken abzufinden, ein einziges Leben würde
nicht ausreichen, um an mein lang ersehntes Ziel zu kommen. Ich bat Gott
vor dem Schlafengehen darum, mich länger und länger leben zu lassen, bis
ich irgendwann so weit war, dass ich ihn um ewiges Leben bat, um meinen
Traum zu verwirklichen.
Und
dann geschah es! Tief in seinem Herzen berührt begriff Gott eines Tages,
dass meine Hartnäckigkeit und Zielstrebigkeit wichtige Bestandteile
seiner Schöpfung waren.
Ich war
glücklich, Gott für mich gewonnen zu haben, und für einen kurzen
Augenblick hatte ich sogar das seltsame Gefühl, selbst ein Teil von ihm
zu sein.
Wir
lernten uns unter der riesigen Eiche im Park kennen. Ich lag auf der
Wiese und korrigierte die letzten Seiten meines vor wenigen Tagen fertig
gewordenen Romans, während Dave aus dem Nichts auf mich zukam, um nach
der Uhrzeit zu fragen.
Ich
antwortete ihm höflich und widmete mich erneut meiner Aufgabe.
Dave
aber blieb vor mir stehen, betrachtete mich aus seiner Perspektive und
lächelte mich ununterbrochen an.
Ich
versuchte, seine Blicke zu ignorieren und tat so, als ob ich sie gar
nicht bemerkt hätte.
Er
beobachtete mich weiter, lächelte mich an, als hätte er meine
Gleichgültigkeit gar nicht wahrgenommen. Ich fragte mich, ob ich
tatsächlich so wirkte, wie ich auf ihn wirken wollte.
Ich
legte das Manuskript beiseite, stand auf, richtete meine Haare und
atmete tief aus.
»Ich
muss jetzt weg«, sagte ich, um eine Antwort auf seine neugierigen Blicke
zu finden.
»Mein Name ist Dave«, waren seine Worte, die er mit einem
unwiderstehlichen maskulinen und verführerischen Lächeln aussprach.
»Dave? Ein schöner Name! Wirklich schön!«
»Und
Sie?«, fragte er mich. Seine Augen beobachteten mich neugierig. Gierig.
»Eva.«
Er nahm
das Wort auf, behielt es einige Sekunden im Gedächtnis, bewegte seinen
Mund, als hätte er Buchstabe für Buchstabe geschmeckt, und schluckte
anschließend den Inhalt herunter, bis nichts mehr übrig blieb.
Ich sah
ihn an und fühlte mich plötzlich namenlos.
Hätte
ich meinen Namen bloß nicht erwähnt, hätte ich nun noch gewusst, wer ich
in Wirklichkeit war!
Minutenlang suchte ich vergeblich den Weg zurück zu meinem Selbst, das
von Dave aufgenommen und verschluckt worden war ich bewegte verzweifelt
meinen Kopf hin und her, während der warme Sommerwind des Tages durch
mein Haar fuhr, um dem Augenblick meiner ersten Begegnung mit Dave noch
mehr Glanz zu verleihen.
Ich
ließ mich von dem Gesang der Vögel entführen, die auf einem starken Ast
einer uralten Eiche fieberhaft ihre Konversation fortsetzen. Ich
lauschte ihnen neugierig, ihre Töne, mal tief, mal höher,
zerbrachen in meinem Gehörgang und formten sich im nächsten Augenblick
zu einem Echo meiner eigenen Laute.
In
unserem ersten gemeinsamen Sommer, geprägt von unbeschwerter
Leichtigkeit, ähnlich dem trillernden Gesang der Vögel, fand ich den Mut
und spürte in mir das Verlangen, Dave täglich spät am Nachmittag unter
der riesigen Eiche im Park zu treffen, ohne dabei zu merken, dass ich
mich langsam in ihn verliebte.
Manchmal saßen wir bis spät in der Nacht auf der Wiese und zählten die
Sterne oben am Himmel, bis die Augenlider stumm über unsere Gegenwart
fielen, um uns die Träume zu versüßen.
Am
nächsten Morgen wurden wir mit den ersten Sonnenstrahlen wach, auf der
unberührten Wiese schmeckten wir das kühle Tauwasser, das unsere nach
Erfüllung verlangenden Körper umhüllte. Es waren Augenblicke der
absoluten Freude, Glücksgefühle, die nur ein einziges Mal durch uns
lebten und mit jedem unserer Atemzüge die Besonderheit dieser seltsamen
Beziehung fühlten. Die Stille zwischen uns war es, wenn der Mund nach
einem erlösenden Wort suchte und in dem Abgrund der eigenen Fragen
nichts Passendes fand.
Unvergessliche Sommertage – wir liefen barfuß im Regen, wir tanzten und
sangen laut, die Menschen hielten an und schüttelten den Kopf – für uns
zählte nur der Moment bis zum nächsten Regenbogen, um auf den Flügeln
der Zeit unbekannte Höhen der innigsten Wünsche in uns selbst erreichen
zu können.
Als
der rostfarbene Boden des Herbstes in einer Mischung aus Schlamm und Eis
verschwand, traute ich mich endlich in Daves Augen zu schauen, während
er immer noch mit den Silben meines Vornamens beschäftigt war. Zu dem
Zeitpunkt war unsere Freundschaft drei Monate alt.
»Du
hast schwarze Augen, Dave!«
»Magst du keine schwarze Augen, Eva?«
»Ich
liebe schwarze Augen!« Die Antwort entstand mechanisch in mir.
Dave
sah mich verwundert an. Ich wünschte mir, er wäre gerade dabei, sich in
mich zu verlieben, und sei es nur aus dem einzigen Grund, dass ich eine
Frau bin, die weiß, was sie will.
Die
Schmetterlinge in meinem Bauch versetzten mich in einen Traumzustand.
Ich spürte in mir den Wunsch, Dave für immer bei mir zu haben – tief
verborgen in meiner eigenen Welt war er längst der Mittelpunkt meines
Empfindens, dieses Gefühls, so alt wie ich, wie meine Liebe zu ihm. Er
hatte dort die ganze Zeit nur auf mich gewartet, auf die Reife meiner
eigenen Entwicklung, nur ich hatte seine Männlichkeit – Teil meiner
eigenen Fantasie – bis dahin übersehen.
Copyright 2008 Passione Verlag
nach OBEN
|