LESEPROBE:

Zwei Länder kein Zuhause

von Adrianne Hermina Popa


Prolog

 

Vor einigen Jahren wollte ich SIE einfach weg werfen. SIE, meine Tagebücher, der Beweis meiner nicht existierenden Jugend. Es war die negative Energie, die in der braunen Holztruhe auf ein Zeichen wartete.

Ein winziges Zeichen, ich hätte niemals gedacht, diese traurige Phase meiner Entwicklung erneut passieren zu wollen.

Der Wille einer erwachsenen Frau, ihre zertrümmerte Persönlichkeit, alte und uralte Wünsche wurden plötzlich wach und sehnten sich nach einer neuen Chance.

Ich bin diese Frau. Die Fremde in der Fremde. Ich bin immer noch auf der Suche nach dem richtigen Weg, der mich sicher ans Ziel bringen könnte, über die Brücke des Friedens mit meiner neuen Welt. In der Tiefe der Vergangenheit könnten wir gemeinsam Trauer und Schmerzen versenken. Und das Wort »fremd« für immer verbannen!

Nach so vielen Jahren, ständig auf der Suche nach dem Sinn des Geschehens, habe ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Ich werde weiter suchen, bis ich diese Brücke finde. Sie ist das Ziel meiner Suche und die meines Schicksals.

Das Ziel? Der größte Wunsch einer fremden Seele? Die Träume einer Frau, deren Kinder kein anderes Zuhause kennen als Deutschland?

Die Heilung der Wunden meiner Eltern, die vor vielen Jahren alles aufgaben, um uns, meiner Schwester und mir, eine bessere Zukunft zu ermöglichen?

Ich liebe meine neue Welt. Ich möchte zu ihr gehören, ein Teil von ihr werden. Ich fühle mich sicher in ihrem Schatten.

Reiche mir die Hand! Schau in meine Augen! Sie haben viel geweint, damit ich heute strahlend zu dir sagen kann:

Ich lebe hier! Ich spreche deine Sprache! Ich schenke dir jeden Tag meines Lebens! Meine Kinder! Alles was ich habe!

Du bist mir nicht fremd. Du bist mir nicht gleichgültig.

Fühlst du es? Den Puls in meinen Adern? Er strömt in deinem riesigen Körper und sehnt sich nach einem Augenblick der Sicherheit. Schenk mir diesen Moment der Freude, ich habe ihn verdient!

Ich, meine Eltern, meine Schwester. Alle, die zu dir kamen, ohne dich vorher gekannt zu haben. Diese Menschen haben alles aufgegeben, um dich zu erreichen. Sie verdienen deine Anerkennung und deine Liebe. Sie sind keine Fremden. Sie fühlen sich nur fremd und nirgendwo daheim.

Fremd in der Fremde?

Sind wir nicht alle Fremden in einer fremden Welt, deren Ursprung uns für immer fremd bleiben wird?

Weiß einer von uns, wie lange man in ihrem Schatten ruhen darf? Im Schatten unserer gemeinsamen Welt? Kennt unsere ursprüngliche Welt die Begriffe Besitz und Hass? Hat sie jemals diese Wörter ausgesprochen? Hat sich die Welt jemals rächen wollen, weil die Menschheit sie für das Geschenk des Lebens mit Blut und Schmerzen bestrafft hat?

Sie hat uns Menschen immer vergeben. Wir sollten von ihr lernen. Von unserer Welt. Sie gehört uns allen. Unabhängig von Herkunft und Hautfarbe. Sie hat nur uns. Und wir nur sie.

 

 

Kapitel 1

… Meine Reise durch Raum und Zeit …

 

» Mami, Mami! «

Ich schaute in die Augen meiner Tochter und verlor mich vor Glück in ihrer unendlichen Weite.

» Hab keine Angst, mein Kind, Mama ist da! «

Schnell stieg ich die Gangway hinauf. Mit jeder Stufe entfernte ich mich von meiner Vergangenheit und näherte mich gleichzeitig meiner neuen Welt, in der meine Eltern und meine Schwester auf mich warteten.

Wo war jetzt mein Zuhause?

Ich nahm meine Tochter in die Arme und gab meinem Mann einen liebevollen Kuss. In ihrer Gegenwart war ich vollkommen glücklich.

» Mein liebes Kind, jetzt fliegen wir nach Hause! «

» Zu dir nach Hause? «

» Zu uns nach Hause! «

Der Satz, den ich soeben ausgesprochen hatte, explodierte bei der Berührung mit der Luft in der Lufthansa Maschine, die gerade dabei war, sich von der Erde Rumäniens zu verabschieden.

Kurz danach flogen wir über das Schwarze Meer, über die grünen Täler meiner Kindheit, über die hohen Bergspitzen meiner kostbaren Erinnerungen.

Es war wie eine kleine Revolution meiner eigenen Gefühle, sie waren dabei, sich neu zu ordnen, die Trauer des Geschehens für immer zu verbannen, denn es gab keinen Grund mehr, traurig zu sein. Keinen einzigen Grund mehr!

Während meine Tochter in meinen Armen einschlief, träumte ich bei vollem Bewusstsein. Oben in der Luft, dem Himmel so nah, so weit von der Erde entfernt.

Ich hatte es endlich geschafft! Nach acht Jahren durfte ich meine alte Heimat wieder sehen. Während der Zeitreise durch meine eigene Vergangenheit hatte ich meiner Tochter und meinem Mann den Teil meines Daseins zeigen können, den ich vor vielen, vielen Jahren zurück gelassen hatte.

Ich fühlte die Zerrissenheit meiner Seele. Meine Finger suchten sofort nach der wunden Stelle meiner inneren Welt. Als meine Finger den schmerzenden Punkt endlich fanden, zogen sie sich instinktiv zusammen und blieben auf der Wunde liegen. Sie fühlte sich warm und vertraut an, keine Spur eines fremden Gefühls konnte ich in mir selbst noch wahrnehmen.

Der fremde Teil, von dem ich immer geglaubt hatte, er sei mein bester Freund, dieser Teil war weg, auf einmal war er verschwunden. Und während die Maschine sich dem Frankfurter Flughafen näherte, spürte ich die Freude des Wiedersehens mit dem Land, das mir so gefehlt hatte. Das Land, das mir jahrelang so viele Tränen schenkte. Das Land, dem ich meine Tochter und die Liebe meines Mannes verdanke. Das fremde Land, das mich jahrelang ignoriert hatte.

Mein neues Land. Meine neue Welt. Mein wahres Zuhause nun, nach einer langen Suche durch Raum und Zeit.                           

 

 

 

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