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LESEPROBE:
Gabriel
von Adrianne Hermina Popa
Kapitel 1
Fragt
nicht, wer ich bin!
Ich habe
es längst vergessen. Wüsste ich es dennoch, so könnte ich jetzt selbst
entscheiden, ob es sich lohnt, für ein einziges Ideal zu leben, um seine
Erfüllung zu kämpfen, dafür zu sterben.
Ein
Ideal? Eine sinnlose Aufgabe - ich habe sie mir nicht ausgesucht, ich
habe nicht einmal im Traum daran gedacht, eines Tages aufzustehen, um
alles zu verlieren, was mich bis zu jenem Tag sorglos und glücklich
begleitet hatte.
Ich bin
ein gefallener Engel, das steht schon fest. Gefallen, verletzt,
enttäuscht, gestolpert über eine Facette des Daseins, die mir - als
Engel - sonst niemals begegnet wäre.
Hätte ich
mir bloß eine andere Aufgabe aussuchen dürfen, so hätte ich
wahrscheinlich noch die Möglichkeit gehabt, mein wahres Selbst zu
bewahren, meine innere Welt vor dem Unheil der menschlichen Gedanken zu
verteidigen!
Darf man
sie überhaupt als Gedanken bezeichnen? Ist dieser Haufen von
unerfüllten Träumen, zerstreut über die Wege eines menschlichen Lebens
- wie die Blätter einer uralten Eiche, die im nächsten Frühling die
Spur eines neuen Atemzuges in sich neu entdeckt -, ist diese Mischung
aus Herzschlägen und Adrenalin würdig genug, um dafür sterben zu wollen?
Dafür sterben zu müssen?
Ich zog
meinen unsichtbar machenden Mantel aus, und mit ihm gab ich meine Liebe,
meine Träume, meine Fantasie und meine wahre Bestimmung für eine
unbestimmte Zeit auf. Die Angst, sie nie wiederzufinden, zitterte in mir
wie ein Schmetterling vor den ersten Schneeflocken an einem kalten
Wintertag, der gleichzeitig sein letzter sein könnte. Der Schmetterling
weiß zum Glück nicht, welche Folgen die weiße Pracht haben könnte, wie
trügerisch ihre Schönheit sein kann. Sie würde ihn rücksichtslos
überfallen, tödlich verletzen.
Mir
dagegen war es vom ersten Augenblick an bewusst, dass dies mein einziger
Versuch wäre, bevor mich Kälte und Finsternis der schwarzen Materie für
immer zerstören. Irgendwo zwischen Vernunft und Wahnsinn versteckt,
zwischen Leben und Tod auf mich wartend, würde mich die Angst in die
Asche eines unerfüllten Ideals verwandeln, lange bevor ich überhaupt das
Ziel meiner Aufgabe mit der Kraft meiner eigenen Augen erkennen würde.
»Du wirst
nichts davon benötigen!«, hörte ich die gewaltige Stimme des Schicksals
zu mir sagen, und ich konnte mir auch nicht vorstellen, nackt und
hoffnungslos überhaupt noch überleben zu können.
»Sie
alle, die Menschen meine ich, sie werden dich nicht erkennen. In deiner
Nacktheit wirst du ihnen so ähnlich sein, sie werden dich für eine
Illusion, für eine Laune der Fantasie handeln«, sagte das Schicksal zu
mir.
»Für eine
Illusion? Bin ich also nicht mehr und auch nicht weniger als eine
Illusion?«
Ich war
durstig auf eine Antwort, während dem Schicksal das Lächeln auf den
Lippen gefror.
Ich
überlegte kurz, und hätte ich eine Ewigkeit gehabt, um darüber
nachzudenken, hätte ich wahrscheinlich auch keine Lösung gefunden, denn
mein Kopf war leer, mein Herz blutete, die Uhr tickte.
Dann warf
ich die letzte Spur meines alten Daseins beiseite, spannte meine Flügel
weit aus, und bevor ich richtig die frische Luft wahrnehmen konnte,
befand ich mich bereits im Anflug zu einem Hauch von Materie, die nackt
und wunschlos ihre Runden drehte, ohne sich dabei viele Gedanken zu
machen.
An was
hatte ich vorher gedacht, vor dem Start in diese unbekannte Welt?
Ah, ja,
ich dachte an die … die Liebe, die wahre Liebe, endlose Liebe,
schmerzfrei und Sterblichen unvorstellbar …
an die
Ruhe - ich bin die Ruhe selbst, besser gesagt, ich war die Ruhe, bevor
ich an jenem Tag die Augen öffnete und plötzlich merkte, dass ein
merkwürdiges, mir bis dahin noch unbekanntes Gefühl es in einer
einzigen Nacht geschafft hatte, die Ruhe meines Daseins aus mir zu
vertreiben …
an die
Fantasie - es gibt sie, weit von menschlichen Wesen entfernt kämpft sie,
wahrscheinlich meine eigene Fantasie, um eine letzte Chance, den Sinn
ihrer Existenz nicht zu verlieren. Könnte ich sie nicht bewahren, würde
es mir den Verstand rauben.
Das
Erwachen bohrte sich in meinen Körper wie Millionen stechender Nadeln,
die in mir die letzten, verlorenen Gefühle zerschmetterten.
Ich habe
alles verloren: die Liebe, die Ruhe, die Fantasie. Ich habe meinen Sinn
verloren. Plötzlich war alles weg. Nur die Leere blieb in mir zurück.
Die Leere. Ich spürte sie zum ersten Mal - sie fühlte sich grausam und
menschlich an.
Mein
Gott, ich wollte niemals einsam sein!
Und jetzt
werde ich gefragt, wer ich bin?
Vielleicht kämpfe ich wirklich um ein Ideal, das es niemals gegeben hat
oder geben wird, denn ich bin ein Kämpfer!
Wahrscheinlich werde ich die einzige Hoffnung bleiben, dass eines Tages
doch die Liebe den Schmerz besiegen wird.
Ganz
sicher bleibe ich der Auserwählte aus der Menge der glücklichen und
sorglosen Kreaturen des Himmels, der das Unglück hatte, auf die Erde
geschickt zu werden, um für die Menschen da zu sein.
Ich
sollte mich um sie kümmern, sie begleiten, ihre Handlungen beeinflussen.
Wenn es
nötig wäre, sollte ich meine Ewigkeit aufopfern, damit die Menschen
endlich lernen zu leben. Wissen die Menschen überhaupt, was Leben
bedeutet?
Und jetzt
– Monate nach jenem Tag, als ich das Paradies aus meinen Augen verlor,
um menschlich sehen zu können, jetzt habe ich vergessen, wer ich in
Wirklichkeit bin. Meine Reise ist noch nicht zu Ende, jedoch befürchte
ich langsam, dass die Zeit des Abschieds näher rückt. Ich habe nichts
erreichen können, so machtlos scheint die Kraft des Himmels zu sein,
wenn man so weit von ihm entfernt ist.
Ich
lernte sie kennen, indem ich sie aus der Ferne betrachtete.
Ich
verliebte mich sofort in ihre Stimmen und lernte ihre Sprachen
verstehen.
Ich
vertrieb ihnen die Tränen aus den blutenden Augen und erweckte mit einem
einzigen positiven Gedanken das Lächeln der Freude ihrer Herzen.
Ich band
ihnen die Hände fest, als ich merkte, wie grausam es ist, von
krankhafter, menschlicher Fantasie besessen zu sein.
Und jetzt
schäme ich mich sogar dafür, dass ich für die menschliche, schmutzige
Fantasie doch kein anderes Wort gefunden habe.
Ich werde
sie, die Menschen, bald verlassen, und ich bereue es nicht. Es schmerzt
nicht einmal, es befreit mich von der Last des Erlebten, obwohl ich
sicher bin, das Erlebte niemals vergessen zu können.
Wie denn
auch, wenn ich auserwählt wurde, um ewig leben zu müssen?
Fragt
nicht, wer ich bin. Ich möchte es nicht wissen.
Nicht
mehr!
An einer
Straßenecke entdeckte ich sie plötzlich wieder. Die Liebe. Ich lernte
sie zum ersten Mal auf eine anderen Art und Weise kennen, die mir bis
dahin noch unbekannt war: Es war eine tiefe Liebe, die das Herz Tag und
Nacht zum lauten Pochen animierte. Sie kribbelte im Magen und ihre Kraft
glänzte in den wunderschönen Augen - vier an der Zahl. Sie suchte die
Nähe, die Wärme. Sie verlangte ihr Recht, in Frieden leben zu dürfen,
sich weiter entwickeln zu dürfen, bis alle Hüllen der Zurückhaltung
fallen würden, damit sie den Höhepunkt ihrer Bestimmung erreichen
könnte. Erst dann wäre es ihr möglich, alle menschlichen Grenzen zu
überwinden. Nur dann!
Er
wartete an der Ecke auf sie. Auf die Liebe seines jungen Herzens, das
ununterbrochen pochte, um ihn daran zu erinnern, dass er liebte. Zum
ersten Mal in seinen Leben liebte er, als wäre die Liebe das einfachste
Gefühl auf der Erde.
Er konnte sich nicht mehr erinnern, wann sie in sein Leben eintrat. Die
Liebe zu ihr.
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