LESEPROBE:

Tick Tack

von Adrianne Hermina Popa


»Das war´s?«, fragte ich ängstlich.

Die Erscheinung, zu der ich sprach, kam aus dem Nichts und blieb plötzlich stehen, wie ein tödlicher Gedanke - fest in meinen Gliedern verankert.

Es war das schmerzende Gefühl, das meine letzte Hoffnung zerschmetterte, anscheinend die allerletzte Hoffnung meines Lebens.

»Ja, das war es. Nicht mehr und auch nicht weniger als ein Tag!«

»Habe ich wirklich nur noch einen Tag zu leben? Bin ich nicht zu jung dafür? Ich habe noch so viele Träume, ich liebe mein Leben. Ich liebe meine Kinder. Meine Kinder brauchen mich noch, ich kann sie doch nicht verlassen. Unmöglich! Weißt du überhaupt, was du sagst?«, fragte ich unter Tränen.

Ich war verloren. Ich spürte meinen eigenen Blutdruck, der über meine Kräfte hinauswuchs. Mein Körpergefühl geriet in Vergessenheit.

Wo war ich?

Wer war ich auf einmal? Ich oder doch jemand anders, der mir ähnlich war?

Nein, ich war es nicht, bestimmt nicht!

»Kein einziger Tag mehr! Es ist mein letztes Wort. Und versuch mir nicht zu widersprechen, sterbliches Wesen! Sei zufrieden mit all dem, was du bis jetzt erleben durftest! Sei einfach zufrieden damit!«

»Ein einziger Tag würde mir viel bedeuten ...«

Ich musste um mein Leben kämpfen, mein Leben, das ich noch in den Händen hielt. Mein Leben, das irgendwie nicht mehr zu mir gehörte.

»Nicht schon wieder! Du, du hast keine Ahnung, was du von mir verlangst! Glaubst du, du könntest die Welt in einem einzigen Tag verändern? Ein Tag mehr, was wäre ein Tag mehr, wenn die Ewigkeit auf dich wartet? Bist du nicht neugierig sie kennen- zulernen? Beeil dich, du kannst dir keine Verspätung mehr leisten! Ich habe es so entschieden! Es macht dein Ende nur noch leichter. Nimm meine Entscheidung an! Und nimm Abschied, bevor es zu spät ist!«

»Ich soll Abschied von meinem eigenen Leben nehmen?«

»Dein Leben? Hm! Du bist so lächerlich, Alexa!«

»Vielleicht hast du Recht. Vielleicht ist es nicht mein Leben! Anscheinend nicht mehr, wenn ich nicht einmal die Kraft habe, selbst entscheiden zu können.«

Ich war aufgebracht, meine menschliche Denkweise geriet ins Schwanken, zitterte in meiner Stimme, ertrank am Ufer meiner eigenen Tränen.

»Einen einzigen Tag, bitte! Ich will leben, nimm es mir nicht einfach so weg!«

»Diese menschliche Ignoranz! Es war auch nie dein Leben! Niemals! Du hast auch nie darüber bestimmen dürfen! Nicht eine einzige Sekunde! Es war mein Leben! Alles gehört mir! Es war nur das Gefühl, dass du gelebt hast. Nur ein Gefühl, hörst du, Alexa? Das Leben ist nur ein Gefühl. Sonst nichts!«

»Nur einen einzigen Tag! Bitte!«

Meine Stimme wurde immer unsicherer. Hatte ich überhaupt noch eine Stimme, die mich würdig vertreten könnte?

»Führt sie hinaus, zurück zu der Menschheit, führt sie nach Hause! Keine Frage mehr, es ist reine Zeitverschwendung, hörst du? Dein letzter Tag ist HEUTE! Kein Tag mehr und auch kein Tag weniger. Wir sehen uns morgen. Morgen wird alles anders sein!«

Die Gestalt lächelte mich an, keine Spur von Hass oder Aggression, im Gegenteil. Ich fühlte mich geborgen, eine merkwürdige Art der Geborgenheit - schmerzhaft und erfreulich zugleich.

»Ich ... ich wollte ... ich wollte nur ...«

Bevor ich meinen letzten Satz zu Ende führen konnte, spürte ich eine übernatürliche Kraft, die mich packte und durch die Luft trug. Mein Körper lag in diesen fremden Händen und bewegte sich gar nicht. Meinem Körper gefiel anscheinend dieses Gefühl der Schwerelosigkeit, dieser Augenblick der absoluten Hingabe. Mein fremder Körper, den ich seit Jahren mit meinen eigenen Empfindungen und Erlebnissen, mit meinen Siegen und Niederlagen gefüttert hatte.

Anscheinend war alles verloren, mein Leben war auf einmal nicht mehr mein Eigentum, und es gab auch niemand in meiner Nähe, der es überhaupt haben wollte. Ich vielleicht?

Mein schmerzender Körper wurde plötzlich von den unsichtbaren Händen losgelassen. Ich versuchte mich festzuklammern, fand aber keinen Halt. Kein einziges Wesen war bei mir, um mir zu helfen. Niemand!

Ich fiel, und das Fallen fühlte sich schwer an. Ich wurde immer schneller.

Meine Gedanken flogen mit mir, überhitzten sich bei der Berührung mit der Luft und fingen an zu schmelzen, sich in Nichts aufzulösen.

Wahnsinnige Flammen meiner Seele kamen aus mir heraus und verschwanden im nächsten Moment.

Einige Augenblicke folgte Leere ... Sie war trügerischer als der Nebel an einem Frühlingsmorgen, viel zerbrechlicher als die feinste Porzellantasse, aus der man den besten grünen Tee der Welt trinken könnte.

Ich sah Licht ... bekanntes Licht ... warm und unendlich schön.

Ich konnte den Geruch der menschlichen Entwicklung aufnehmen, er weckte in mir das Verlangen nach einem allerletzten Versuch, mich neu zu definieren.

Wenn ich noch eine letzte Chance bekommen hätte ...

Ich hörte Stimmen ... unbekannte Stimmen.

Ich hörte die Blätter der Bäume weinen, ich hörte sie zum ersten Mal weinen.

Ich konnte auf einmal den Gesang der Vögel am Himmel verstehen, ihre Sprache war nicht von dieser Welt.

Ich erkannte mein eigenes Leben ... mein eigenes Ich ... mein Zuhause.

Alles gehörte mir, nur ich gehörte nicht mehr dazu.

Ein merkwürdiger Gedanke kam mir in den Sinn und verschwand im nächsten Moment. Der Tod.

Ich fragte mich ständig, wer das Wesen war, das so viel Kraft über mich hatte?

Ich sah es zum ersten Mal und hatte gleichzeitig das Gefühl, es wäre immer ein Teil von mir gewesen. Ich konnte mich an sein Gesicht nicht mehr erinnern, obwohl ich mir sicher war, sein Bild niemals vergessen zu können. Mir fehlten einfach die Kraft und die Worte, es zu beschreiben.

Bevor ich den nächsten Gedanken mit meinen zitternden Neuronen berühren konnte, prallte ich auf den harten Boden des Erwachens. Mein Körper ging noch ein Mal nach oben, um die Sekunde des Aufpralls noch intensiver zu erleben. Es war die Zeitlupe meiner eigenen Berührung mit der Realität. Am liebsten wäre ich in der Luft schweben geblieben, denn die Kollision schmerzte in mir so sehr.

In dem Augenblick, in dem mein Körper erneut den Boden berührte, starb in mir mein letztes Schmerzgefühl, und ich begriff sofort, ich würde den Aufprall niemals überleben.

Und was war mit dem Versprechen, mir diesen Tag als den letzten Tag meines Lebens zu gewähren?

Ich wurde angelogen!

In dem tödlichen Zustand meines eigenen Selbst fing ich an zu fluchen.

Der Fluch wurde immer lauter und brannte in meiner blutigen Kehle.

Ich versuchte ein letztes Wort auszusprechen, doch auch die Sprache war gestorben.

»So fühlt sich also der Tod an?«, fragte ich mich.

Danach folgte Stille.

 

 

 

 

Copyright 2008 Passione Verlag


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