PASSIONE Verlag

 

 

Shiver

von Leonie M. Wagner - geboren 1996

 

Sie rannten durch den schmutzigen Schnee. Ihre Atemwolken verdichteten sich. Schneebälle wurden geformt und geworfen.

 

   »Komm schon, Kira!«

 

   »Ich komme gleich nach!«, rief Kira und entfernte sich von der Gruppe.

Sie lief am Waldrand entlang und betrachtete den Winterwald, der silbrig glitzerte. Sie entdeckte die Fußabdrücke der Tiere im Schnee und bückte sich nach zwei Steinen, die zu ihren Füßen lagen. Sie waren sturmgrau und sahen sie an. Wie Augen. Kira betrachtete sie und verspürte einen Stich. Solche Augen verdienten ein Gesicht. Kira kniete sich in den Schnee und begann, mit den Händen Schnee aufzuhäufen, einen Körper zu formen. Kritisch betrachtete sie ihr Werk. Ihr Schneemann sollte einen wirklichen Körper haben. Einen richtigen Menschen darstellen. Also formte sie Füße und Beine, Arme und Hände und einen Oberkörper. Aus Schnee.

 

Die Zeit verging, es wurde dunkler und kälter. Kiras Freunde waren alle nach Hause gegangen.

Ihre Hände waren rot und kalt. Doch sie konnte nicht aufhören. Wollte nicht aufhören. Sie machte weiter, arbeitete unermüdlich.

Endlich, nach stundenlanger Arbeit, war sie fertig. Vor ihr stand ein Schneemann. In Lebensgröße. Sie bückte sich und hob mit klammen Fingern die dunklen Steine auf. Langsam drückte sie sie in die Augenhöhlen. Er sah fürchterlich echt aus. In der Dunkelheit ging ein Glanz von ihm aus, er schien zu schimmern.

   ›Ich muss jetzt gehen!‹, sagte sie und legte ihre Hand auf seine eisige Wange. Langsam beugte sie sich vor und flüsterte: »Ich heiße Kira. Leb wohl, Shiver!« Dann wandte sie sich um und lief davon.

 

Mein Körper schmerzte. Meine Knochen knackten, und ich stöhnte. Schnee fiel von mir ab, als ich mich bewegte. Ich machte zögerlich einen Schritt nach vorne und stürzte hart auf den Boden. Mir tat alles weh. So weh.

Ich öffnete die Augen. Um mich herum war alles dunkel. Ich versuchte auf die Beine zu kommen und richtete mich auf. Dann machte ich mich auf die Suche nach ihr. Nach Kira.

 

In der kleinen, vollen Küche dröhnte ein altes Radio. Es roch nach Zimt und Vanille, und es war viel zu warm. Kira stand am Herd und kochte zusammen mit ihrer Großmutter. Ihr Vater war zusammen mit den anderen Männern aus der Stadt zurückgekehrt. Es war sein Empfangsessen. Er hatte Kleidung, Salz, Pfeffer, Tee und vieles mehr aus der Stadt mitgebracht. Und Bücher für Kira. Viele Bücher. In dem kleinem Dorf gab es keinen Buchladen.

Für Kira war das entsetzlich und sie versuchte, die Bücher sparsam zu lesen, wenn ihr Vater neue mitbrachte, doch jedes Mal war sie viel zu schnell fertig. Ihr Vater witzelte immer, Kira würde eher in ihrer eigenen Welt leben als in der Wirklichkeit. Im Stillen gab ihm Kira Recht. Nur ihre Großmutter schien sie zu verstehen. Sie liebte ihre Großmutter. Sie war streng, konnte aber auch sehr liebevoll und warmherzig sein. Seit dem Tod ihrer Mutter war sie die Frau, die Kira als Vorbild hatte.   

   »Kira, du solltest dir die Anleitung sorgfältig durchlesen! Ich kann sie bereits auswendig, doch du musst sie noch lernen! Dieses Rezept wurde von Generation zu Generation weitergegeben, und auch du wirst es eines Tages deinen Kindern beibringen.«

Die alte Frau wollte, dass Kira ihren Platz in der Familie, als beste Köchin, einnahm.

   »Ja, Gramma«, sagte Kira und betrachtete die verkleckerte Seite in dem alten, benutzten Kochbuch.

Sie trat an die Schüssel, um noch ein bisschen Vanille hineinzugeben, und erstarrte. Sie blickte aus dem Fenster. In der Dunkelheit des Winters ließ sich nichts erkennen, und Kira wollte schon den Blick abwenden, doch wieder nahm sie eine Bewegung war. Angestrengt sah sie in die Schwärze hinaus.

   ›Wahrscheinlich nur eine streunende Katze‹, versuchte sie sich einzureden, doch es gelang ihr nicht.

Widerstrebend wandte sie den Blick vom Fenster ab, als die Stimme ihrer Großmutter ertönte, sie solle sich beeilen, oder sei sie etwa festgefroren.

 

Ich konnte ihr Gesicht vor dem hell erleuchteten Fenster erkennen. Ihre Wangen waren gerötet, und ihre Haare waren geöffnet. Wie schwarze Seide umfielen sie ihr Gesicht. Ich sehnte mich danach, ihr Gesicht zu berühren, in ihrer Nähe zu sein. Ich stand am Fenster und beobachtete, wie sie zusammen mit einer alten Frau Essen zubereitete. Ich sah, wie ein kleiner Junge ins Zimmer kam und Kira ihn auf den Arm hob. Er steckte den Finger in eine Schüssel und leckte ihn ab. Kira und die alte Frau kitzelten ihn durch. Ich starrte zu ihnen hinein und wünschte mir nichts sehnlicher, als zu ihnen zu gehören. Bei ihnen zu sein.

Ein Anflug von einer Sehnsucht, wie ich sie noch nie zuvor verspürt hatte, überkam mich. Ich starrte so lange auf das Fenster, bis meine Augen tränten.

 

Ein Mann kam in die Küche. Er küsste Kira auf die Stirn und nahm den kleinen Jungen auf den Arm. Die alte Frau nahm Teller und Schüssel, Kira nahm Becher und Körbe, und zusammen verließen sie die Küche.

 

Ich erstarrte und reckte den Hals, um besser sehen zu können, doch es war unmöglich. Sie waren in einem anderen Zimmer, und ich konnte sie nicht sehen. Ich knurrte und setzte mich in Bewegung.

 

   »Oh, Grace! Es hat so wundervoll wie immer geschmeckt. Hast du der Backmischung etwas Neues beigemischt?« Kiras Vater hatte sich von allem zwei Mal genommen und hing nun satt und schläfrig auf seinem Stuhl.

   »Nein, Albert. Es waren dieselben Zutaten wie immer«, sagte Kiras Großmutter und lächelte ihren Schwiegersohn über den Rand ihrer Tasse hinweg an.

   »Aber ich finde, Finn sollte jetzt ins Bett gehen.«

   »Aber Dad!«, rief Kiras kleiner Bruder Finn. »Du musst erst die Geschenke zeigen!«

   »Ach ja, richtig!« Alfred erhob sich von seinem Stuhl.

Er verließ das Zimmer und kehrte mit einem Beutel zurück. Finn hüpfte auf seinem Stuhl hin und her. Er konnte es offenbar nicht erwarten.

   »Finn! Ich habe für dich neue Teile deiner Eisenbahn mitgebracht. Schienen und ein paar Waggons.«

Finn jauchzte, umarmte seinen Vater, packte seine Geschenke und rannte in sein Zimmer.

 

Kira konnte ihn den ganzen Weg bis in sein Zimmer lachen hören.

 

   »Für dich, Grace, habe ich auch etwas«, sagte Albert und zog aus seinem Beutel Wolle.

Kiras Großmutter klatschte in die Hände: »Vielen Dank, Albert! Ich kann euch gleich neue Mützen und Handschuhe stricken!«

Sie begutachtete die Wolle und ging los, um ihre Stricknadeln zu holen.

   »Kira, für dich habe ich etwas ganz Besonderes!«, sagte ihr Vater.

Er zog ein Päckchen, das mit braunem Papier umwickelt war, in dem zweifellos die Bücher waren, hervor. Kira strahlte, nahm ihr Päckchen entgegen und sagte: »Aber das ist keine Überraschung, Dad! Du wusstest, dass ich die letzten Bücher schon fertig gelesen hatte.«

   »Das ist doch keine Überraschung«, sagte ihr Vater und lächelte. »Aber das hier ist eine!«

Er zog ein kleines, blaues Schmuckkästchen aus seiner Jackentasche hervor und stellte es auf den Tisch. Kira wurde ganz still.

   »Oh, Dad!«, sagte sie und nahm es vorsichtig in ihre Hände. Sie öffnete es. Auf dem blauen Samt lag eine kleine, silberne Kette. Ein einzelner, silberner Anhänger, ein Schneekristall, lag darin.

   »Er gehörte deiner Mutter. Ich hab in der Stadt eine neue Kette anfertigen lassen. Ich finde, es ist an der Zeit, dass du sie trägst.«

Kira nahm sie vorsichtig heraus und hielt sie gegen das Licht.

   »Sie ist wunderschön. Danke, Dad!«

Ihr Vater lächelte, stand auf, trat hinter Kira und legte ihr die Kette um. Kira stand auf und betrachtete sich im Spiegel.

   »Wie findest du es, Dad? Dad?« Sie drehte sich um und erwischte ihren Vater mit glänzenden Augen. »Oh, Dad!«, sagte sie und nahm ihn in die Arme.

   »Du siehst ihr unglaublich ähnlich, weißt du, Kira?«

   »Ja, ich weiß«, stimmte sie ihm zu und drückte ihn ganz fest. »Warum gehst du nicht hoch, bringst Finn ins Bett und legst dich auch hin? Ich kann das hier auch alleine aufräumen«, sagte sie und deutete auf den Tisch.

Ihr Vater sah sie an: »Bist du sicher? Ich kann dir auch helfen.«

   »Nein, ist schon in Ordnung. Leg dich nur schon mal hin!«

   »Du bist die Beste!«, sagte ihr Vater und küsste sie auf die Stirn.

Kira lächelte, und als er das Zimmer verließ, begann sie, die Teller zu stapeln. Da nahm sie eine Bewegung war.

 

 

Ich stand in dem dunklen Garten hinterm Haus. Ich sah, wie der Mann das Zimmer verließ und sie anfing aufzuräumen. Ich trat näher an das Haus heran, gerade in dem Augenblick, in dem sie den Kopf hob. Ich erstarrte und versuchte, mit der Dunkelheit eins zu werden. Ich sah, wie sie ganz dicht an die Scheibe herantrat und in den Garten spähte. Sie öffnete die Tür und trat hinaus. Ich versuchte, mich unauffällig davonzustehlen, doch der Schnee unter meinen Füßen knirschte. Ich wich in den Garten zurück, doch sie kam mir nach. Ich wich so weit nach hinten, wie ich konnte, dann stieß ich mit dem Rücken gegen eine Mauer. Sie stand vor mir. Zwischen den Bäumen. Ich konnte ihre Silhouette in der Dunkelheit sehen. Ich hielt den Atem an. Sie trat näher. Ich konnte es nicht mehr aushalten.

 

   »Hallo, Kira!«, sagte ich.

Ich konnte sehen, wie ihre Augen groß wurden. Dann schrie sie auf und rannte zurück zum Haus.

   »Nein, Kira, warte!«

Ich lief ihr hinterher, aber sie war schneller. Sie schob die Glastür vor mir zu, und als sie aufblickte, sah sie mir direkt in die Augen. Dann begann sie, noch mehr zu schreien. Ich wich zurück, von dem Licht, das das Haus erstrahlte und von ihr, wie sie da stand und schrie.

 

   »Kira! Kira, was ist denn?!«

   »Kira! Kind, was ist los?«

Ihr Vater und ihre Großmutter kamen ins Esszimmer gerannt.

   »Was ist los, Liebling?«, fragte ihr Vater, und ihre Großmutter nahm sie in den Arm.

   »Da war… Da war…«, schlotterte sie.

   »Ja?«, fragte ihr Vater. »Was war da?«

   »Ich hatte… Da stand…«

Sie sah, wie ihr Vater und ihre Großmutter sie ansahen, und sie wusste, dass sie ihnen die Wahrheit nicht sagen konnte.

   »Da war nur ein streunender Hund. Ich dachte, es wäre vielleicht ein Wolf.«

   »Oh, Liebling, mach dir keine Sorgen, der kommt sicher nicht wieder«, sagte ihr Vater und zog sie an sich.

Ihre Großmutter beobachtete sie. Kira mied ihren Blick. Sie wusste, ihre Großmutter merkte sofort, wenn sie log. Stattdessen blickte sie hinaus in den dunklen Garten. Hatte sie eben wirklich Shiver gesehen?

 

Ich lag auf der Lichtung, auf der ich erwacht war. Schnee fiel mir ins Gesicht. Die Kälte umhüllte mich, und der Wind zerrte an mir. Ich versuchte, nicht zu denken. Ich war ein Monster. Warum hatte sie so geschrien? War ich so abstoßend? Was war an mir falsch? Ich könnte mich niemals anderen Menschen zeigen, wenn ich so schrecklich war. Ich würde für immer auf dieser Lichtung bleiben. Es würde niemand mehr vor mir Angst haben. Ich schloss die Augen und fühlte, wie die Schneeflocken auf meinem Gesicht landeten.

 

Obwohl sie alles daran gesetzt hatte und alles dafür gegeben hätte, um ihn zu vergessen – sie konnte es nicht. Er spukte in ihren Träumen herum und in leeren Gedanken. Hinter jedem Baum sah sie ihn stehen, und in jedem Gesicht sah sie seine Augen. Immer wieder versuchte sie sich auszureden, was sie gesehen hatte. Doch sie konnte nicht. Konnte einfach nicht!

 

Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergangen war. Die Tage flossen ineinander. Mal schlief ich, mal war ich wach. Ich lief über die Lichtung und beobachtete die Tiere. Die Sonne blendete mich in den Augen und brannte auf meiner Haut. Ich sehnte mir die Nacht herbei, mit der Kälte und Stille.

Dann, ganz plötzlich, hörte ich in der Abenddämmerung ein Geräusch. Ich hatte im Schnee gesessen und angefangen, kleine Figuren aus Schnee zu formen, als ein leises Knacken mich aufblicken ließ. Das waren Schritte. Im Schnee. Ich versuchte herauszuhören, ob es sich um einen oder mehrere handelte. Langsam richtete ich mich auf und versteckte mich hinter einem Baum. Ich schaute vorsichtig hervor. Mir stockte der Atem: Es war Kira. Sie stand auf der Lichtung und betrachtete die Stelle, auf der ich hätte stehen sollen.

Sie sah wunderschön aus. Ihre Nase und ihre Wangen waren gerötet, und in den langen, schwarzen Haaren hingen Schneeflocken. Mir stockte der Atem. Was um alles in der Welt machte sie hier? Ich sehnte mich nach der Dunkelheit, in der mich niemand sehen konnte. Dann hörte ich ihre Stimme.

 

   »Shiver?«, rief sie über die schneebedeckte Lichtung.

Sie kam sich albern vor. Sie rief nach einem Schneemann, den sie selbst gebaut hatte und von dem sie jetzt annahm, dass er lebte.

   ›Wenn mich hier jemand sieht‹, dachte sie.

Eigentlich hätte sie gehen sollen. Sich umdrehen und nach Hause gehen. Doch etwas hielt sie hier. Der Platz, an dem sie ihn gebaut hatte, war leer. Nach einigen Augenblicken wandte sie sich um. Ein Gefühl von Enttäuschung machte sich in ihr breit.

Was hatte sie erwartet? Dass er kommen würde?

Ja!

Wenn sie ganz ehrlich zu sich selbst war, dann hatte sie genau das erwartet.

Eine Bewegung ließ sie innehalten. Sie drehte sich um. Dort, halb hinter einem Baum verborgen, stand er. Sie blickte ihm in die Augen. Sie waren es. Sturmgrau. Kira lächelte.

 

 ›Was machte ich denn da? Vor nicht allzu langer Zeit war sie noch schreiend vor mir weggelaufen. Und jetzt?‹

Sie kam auf mich zu, langsam, als hätte sie Angst, ich könnte weglaufen. Selbst wenn ich gewollt hätte, meine Füße versagten mir ihren Dienst. Sie kam immer näher. Ich drückte mich an den Baum und versuchte, mich zu verstecken.

   »Nicht!«, sagte sie.

Wir erstarrten beide. Sie legte ihre behandschuhte Hand auf den Baumstamm. Ich starrte sie an, bis sie zu sprechen begann: »Ich bin Kira, Shiver. Heißt du so?«

   »Ich weiß, wie du heißt«, sagte ich.

Ihre Augen wurden groß. Sie schluckte, und ich wandte den Blick ab. Sie hielt mich immer noch für ein Monster. Und dann berührte sie meinen Arm. Ich zuckte zusammen. Es war, als hätte mir jemand die Luft aus meinem Körper gepresst. Ich sah ihr in die Augen. Sie lächelte.

   »Hallo!«, flüsterte sie.

   »Hallo!«, flüsterte ich, obwohl ich nicht so genau wusste, was es bedeutete.

 

   »Wie kommt es, dass du sprechen kannst, Shiver?«, fragte sie und nahm ihre Hand von meinem Arm.

 

Ich starrte meinen Arm an, bis mir ihre Frage wieder einfiel.

   »Da sind Wörter. In mir. Ich verstehe sie nicht richtig und nicht alle. Aber einige kenne ich.«

 

Ich wusste nicht, wie ich darauf gekommen war. Aber etwas sagte mir, dass es richtig war.

 

   »Ich muss gehen«, sagte Kira.

Ein Schmerz durchzuckte mich. Sie sollte gehen? Wohin? Warum? Ohne sie, da war ich doch nur Eis und Schnee.

Auch sie sah nicht gerade glücklich aus.

   »Ich komme wieder!«, sagte sie und wandte sich um.

   »Kira?«, sagte ich, und sie wandte sich noch einmal um. »Versprich es! Bitte!« Ich schämte mich fürchterlich.

Wie konnte ich nur so etwas sagen. Ich sah auf den Boden und war kurz davor, meine Worte zurückzunehmen, als sie sagte: »Ich verspreche es.«

Ich blickte auf und sah ihr in die Augen. Braun. Mit zarten, grünen Verästelungen. Wie ein Frühlingswald. Obwohl ich noch nie einen Frühlingswald gesehen hatte, konnte ich mich an Sonnenlicht und grüne Lichtungen erinnern.

Dann ging sie davon. Und ich blieb zurück und blickte ihr hinterher.

 

Sie kam aus dem Wald und versuchte nicht nachzudenken. Es war verrückt. Obwohl alles in ihr sagte, dass es nicht sein konnte, dass sie verwirrt oder krank sein müsste, war sie sich sicher. Sie war sich sehr sicher, dass das, was sie eben erlebt hatte, echt war. Aber sie verspürte keine Angst. Sie verspürte keine Ahnungslosigkeit. Sie verspürte Trauer. Trauer darüber, dass sie ihn hatte verlassen müssen.

   ›Das ist lächerlich, Kira‹, sagte sie sich.

Sie kam dem kleinen Dorf immer näher und fragte sich, wie viel ihr Gesicht preisgab.  

   »Kira!«, hörte sie jemanden rufen.

Wie ertappt drehte sie sich um. Es war Toby, ihr bester Freund seit Kindergartenzeiten.

   »Toby! Hallo!« Ihre Stimme klang ein wenig verlegen. »Wie geht’s dir?«

   »Gut«, antwortete Toby und machte im Gehen seine Jacke zu.

Es war immer noch sehr kalt für Mitte Februar.

   »Hast du es schon gehört? Wir haben die Genehmigung!«

   »Die Genehmigung für was?«

Toby sah sie gekränkt an.

   »Na, die Genehmigung, dass The Cold Barkers auf dem Winterball spielen dürfen. Natürlich erst später am Abend, aber immerhin. Ich hatte schon fast gedacht, es klappt nicht. Rektor Marshpall war wohl nicht so erfreut darüber …«

Kira hörte ihm nur noch mit halbem Ohr zu. Natürlich. Seit Wochen sprach Toby von nichts anderem. Er wollte mit seiner Band am Winterball der Schule auftreten. Tobys größtes Hobby war die Musik. Er spielte alle möglichen Instrumente und wollte auch später irgendetwas mit Musik machen.

Mit großer Erleichterung sah Kira ihr Haus. Sie mochte Toby, sie hatten sonst nie Geheimnisse voreinander, und es kam ihr heute so vor, als ob sie ihn belügen würde.  

   »Wo warst du eigentlich?«, fragte Toby, als Kiras Haustür nur noch ein paar Meter entfernt war.

   »Wie?«, erwiderte Kira und wünschte sich nichts sehnlicher, als den Fragen zu entfliehen.

   »Es sah so aus, als wärst du aus dem Wald gekommen.«

   »Ja, das stimmt. Ich war im Wald, um…«

Toby blickte sie erwartungsvoll an. In dieser Sekunde ging die Haustür auf. Kiras Großmutter stand da, in der einen Hand einen Kochlöffel, die andere Hand an der Hüfte.

   »Endlich, Kira! Du solltest Finn doch zu Tommy bringen! Wo hast du gesteckt? Aha! In der Begleitung von Tobias Mc. Weyer. Wieso überrascht mich das nicht?«  

   »Guten Morgen, Misses Jones!«, sagte Toby, ganz der wohlerzogene Junge.

   »Wie ich höre, dürfen du und deine Freunde auf dem Winterball Musik machen«, sagte die alte Dame.

 

   »Ja, das ist richtig. Es hat sich wohl schnell rumgesprochen. Ich wollte grade zu John, um es ihm zu erzählen. Also, bis dann, Kira!«, rief Toby und machte sich eilig auf den Weg.

 

Kira ging in die Küche und goss sich einen Tee ein. In den kalten Wintermonaten gab es oft nichts Besseres, um sich ein wenig aufzuwärmen. Noch dazu sammelte ihre Großmutter in ihrem Küchenschrank sehr viele, erlesene Teesorten.

   »Weißt du, Kira, ich habe mich gefragt, ob du mit Toby zum Winterball gehst.«

   »Ja. Wahrscheinlich schon«, sagte Kira.

Sie hatte zwar noch Freundinnen in dem Dorf, doch Toby blieb ihr einziger bester Freund.

   »Kira, du bist 16, und Toby wird 17, und wenn da was zwischen euch …« Ihre Großmutter schaffte es nicht einmal den Satz zu Ende zu bringen.

   »Gramma!«, rief Kira. »So ist es nicht zwischen uns!«  

   »Ja, weiß ich doch, weiß ich doch …«, sagte die alte Frau und lächelte.

   »Mit wem sollte ich denn sonst auf den Ball gehen?«, fragte Kira und versuchte, nicht an seine sturmgrauen Augen und eiskalten Arme zu denken.

 

Sie hatte gesagt, sie würde kommen. Bestimmt. Ganz bestimmt. Ich hatte mich gegen den Baumstamm gelehnt und sah zu, wie die Sonne hinter den Bäumen versank. Die Kälte hüllte mich ein. Und ich schloss die Augen. Sie würde kommen. Sie würde kommen. Wann würde sie kommen?

   Die Zeit verging. Es gab Tage, an denen die Kälte nicht so dicht war. Dann hatte ich Kopfschmerzen und fühlte mich schwach, bis die Nacht kam und mich erlöste. Es gab Tage, da war es bitter kalt, und die Sonne konnte nichts und niemanden wärmen. Dann fühlte ich mich gesund und stark, fand aber auch keinen Schlaf.

   Es war einer dieser Tage. Ich hatte mich in den Schatten zurückgezogen und betrachtete die kleinen Schneefiguren, die ich geformt hatte. Ich holte tief Luft und spürte die Kälte deutlich.

   »Shiver?«, hörte ich eine Stimme.

Erschrocken wandte ich mich um, und ich spürte ihre Gegenwart, bevor ich sie sehen konnte.

   »Kira!«

Ich stand auf und ging auf sie zu. Ich blieb vor ihr stehen. Viel zu dicht. Ich konnte die grünen Sprenkel in ihren braunen Augen sehen. Sie atmete aus, und die Wolke, die aus ihrem Mund strömte, traf mein Gesicht. Ich griff danach und taumelte auf den Boden; die Wärme ließ mein Gesicht brennen. Es fühlte sich wund an.

   »Shiver! Es tut mir leid! Ich hatte total vergessen …«

Sie kniete sich neben mich, legte mir eine Hand auf die Schulter, achtete aber darauf, mir nicht noch einmal so nahe zu kommen.

   »Hier«, flüsterte sie, klaubte mit ihren Händen Schnee auf und ließ ihn mir in die Hände fallen. Ich drückte meine Hände an mein Gesicht und seufzte erleichtert auf. Fast sofort trat Linderung ein, und ich hob den Kopf.

   »Alles in Ordnung?«, flüsterte sie.

Ich nickte und lächelte. Sie legte mir ihre Hand auf die Wange. Es war eine so vertraute Geste, dass ich das Gefühl hatte, sie hätte es schon unzählige Male getan.

 

»Ich habe mir heute Zeit genommen«, sagte Kira und zog aus ihrer Tasche eine Decke. Sie breitete sie aus und legte sich auf den Rücken.

   »Komm her!«, sagte sie und klopfte lächelnd neben sich auf die Decke.

Shiver berührte die Decke mit seinen Fingern und runzelte die Stirn.

   »Was ist?«, fragte Kira.

   »Ich bleibe lieber hier«, sagte er und legte sich neben sie in den Schnee. Es war nur ein kleiner Abstand zwischen ihnen, doch Kira kam es vor, als würden sie Welten trennen.

Schweigend betrachteten sie die Wolken, die am blauen Himmel über sie hinwegzogen. Eine Weile sagte keiner etwas. Kira machte es nichts aus, man konnte mit Shiver sehr gut schweigen.

    »Ich habe Fragen«, sagte Shiver, und seine Augen folgten den Wolken am Himmel.

   »Ich auch«, sagte Kira und sah ihn an.

   »Wie bist du auf meinen Namen gekommen?«

Kira war einen Moment lang so überrascht, dass sie nicht antwortete.

   »Nun, mir war kalt. Und ich fand, du sahst so echt aus …«

Er blickte sie an.

   »Also, natürlich bist du echt!«

 

Er lächelte. Dann sagte er zögerlich: »Ich habe Familien gesehen. Der Mann hat immer eine Frau. Wo ist die Frau von deinem großen Mann?«

 

Kira lächelte.

   »Mein Vater und meine Mutter? Meine Mutter starb vor drei Jahren bei einem Unfall.«

Sie bemerkte, dass Shiver sie von der Seite ansah und sagte: »Das bedeutet, sie ist tot. Sie kommt nicht wieder.«

Er schien zu verstehen.

   »Das ist schrecklich. Tut mir leid, Kira. Aber was ist jetzt mit dir und dem kleinem Jungen? Und deinem Vater?«

   »Mein Bruder kann sich nicht an sie erinnern. Mein Vater vermisst sie ziemlich stark, aber er ist tapfer.«

   »Vermisst du sie?«

Kira schluckte. Das hatte sie schon lange keiner mehr gefragt.

   »Jeden Tag. Am Morgen, am Mittag und am Abend. Aber das Leben geht weiter. Mein Leben geht weiter.«

Sie fuhr mit den Fingern durch den Schnee.

   »Kann ich dich noch was fragen?«

   »Du kannst mich alles fragen«, sagte sie und blickte lächelnd in den Himmel.

Ich konnte kaum atmen. Ihre Nähe machte mir bewusst, wie anders ich war. Der Abstand zwischen uns schmerzte, und ich sehnte mich danach, sie zu berühren. Aber ich riss mich zusammen und zwang mich, nicht in ihr Gesicht zu sehen.

   »Ich habe dir doch von den Worten erzählt, die in mir drinnen sind.«

   »Ja, das hast du«, sagte sie und schloss die Augen.

Ich konnte nicht weiter sprechen, doch die Fragen bohrten sich in mich hinein: »Was bedeutet Hoffnung, Kira?«

   »Hoffnung? Wenn du auf ein Schiff gehst und weit weg segelst und ich am Ufer warte. Dann passiert ein Unglück, euer Schiff kentert, und ich stehe aber immer noch am Ufer und warte darauf, dass du zu mir zurückkehrst. Dann gebe ich die Hoffnung nicht auf.« Sie verschränkte die Arme hinter ihrem Kopf und schloss wieder die Augen.

Ich ließ mir ihre Worte durch den Kopf gehen und dachte über sie nach.

   »Was bedeutet träumen, Kira?«

   »Träume. Träume sind die verborgenen Wünsche unserer Herzen. Du träumst nicht nur in der Nacht. Du kannst auch am Tag träumen. Dich wegträumen, an einen anderen Ort.«

Ich schluckte. Alle meine Träume handelten von ihr.

 

   »Hast du noch ein Wort?«, fragte sie mich.

 

   »Ja. Was ist Liebe?«

   »Liebe. Liebe ist unwiderruflich. Sie ist bedingungslos und klar. Sie macht böse Menschen zu guten Menschen. Sie ist das schönste Gefühl auf der Erde. Sie allein kann gegen Hass bestehen. Sie kann dich heilen und verletzen. Sie ist die höchste Macht auf der Welt, und sie wird niemals vergehen.«

Ich schwieg und sah sie an. Sie drehte langsam ihren Kopf und blickte mir direkt in die Augen. Grün und Braun. Langsam beugte sie sich zu mir herüber. Alles in mir schmerzte. Ich konnte nicht mehr atmen. Ihr Gesicht kam meinem immer näher, und dann war sie meinem Gesicht so nah, dass ich ihre Wimpern hätte zählen können. Sie versuchte, nicht wieder Wärme in mein Gesicht zu lassen, und ich fühlte ihr Zögern.

   »Schließ die Augen!«, hauchte sie, und ich schloss meine Augen.

Ihre Lippen waren warm. Sehr warm. Sie versengten meine Lippen, doch ich hätte nichts dagegen tun können, und ich wollte nichts dagegen tun. Ich zog sie an mich heran, und sie legte mir ihre Hand ins Gesicht. Der Stoff ihres Handschuhs war rau und störte mich. Ohne mich von ihr zu lösen, zog ich ihr ganz sacht den Handschuh aus. Ihre Hand war warm. Aber sie war nicht so warm, wie ich sie erwartet hatte. Ich runzelte die Stirn und löste meine Lippen von ihren.

   »Kira! Du bist kalt«, flüsterte ich.

   »Nein«, sagte sie und rückte näher an mich heran.

Ich legte meine eisige Hand an ihre Wange, und obwohl es schmerzte, fühlte ich, dass sie nicht so warm war wie sonst.

   »Kira, du solltest gehen.«

Ich wollte eigentlich noch mehr sagen, doch sie verschloss meine Lippen mit ihren. Für ein paar Sekunden schwebte ich im Himmel. Diesmal war sie es, die sich von mir löste: »Ich kann meine Lippen nicht mehr fühlen«, sagte sie und sah mich entschuldigend an, als wäre es ihre Schuld.

Ich betrachtete sie: Ihre Lippen waren blau, und zarte Eissterne hatten sich am Rand ihres Mundes gebildet. Ich sprang auf, drehte mich weg und lief zu den Bäumen. Wütend schlug ich gegen einen Baum, Schnee rieselte auf mich herab, doch es kümmerte mich nicht.

 

   »Shiver?«, hörte ich sie hinter mir rufen.

 

Sie war aufgestanden und kam auf mich zu. Ich konnte es fühlen ohne hinzusehen.

   »Hey«, flüsterte sie und legte mir die Hand auf die Schulter.

Wütend schüttelte ich sie ab.

   »Du hast blaue Lippen!«, schrie ich, und meine Stimme hallte in den Bergen und der umliegenden Umgebung wider. »Sieh mich an, Kira! Sieh mich an! Ich bin ein Monster! Ein Monster. Was willst du von mir? Ich mache dich kalt und kaputt!«

Ich sah noch immer ihre blauen Lippen vor mir. Kira schlang von hinten die Arme um mich: »Du bist kein Monster«, sagte sie. »Du bist wunderbar. So wie du bist. Vergiss das nie!«

Sie legte die Wange an meine Schulter. So standen wir da. Ich weiß nicht wie lange. Aber irgendwann begann es zu dämmern.

   »Du musst gehen«, sagte ich leise.

Sie seufzte, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste mich auf die Wange.

   »Ich komme wieder«, sagte sie, wandte sich um und lief davon.

 

Lange, schon als sie zwischen den Bäumen verschwunden war, sah ich ihr nach und wartete auf den hohlen Schmerz, der immer dann einsetzte, wenn ich ihr nicht nahe war. Endlich kam er!

 

 

Kira lief den Waldweg hinunter Richtung Dorf. Ihre Wange war kalt und taub, ihre Fingerspitzen hatten kein Gefühl und ihre Füße waren so kalt, dass sie schmerzten. Doch sie war glücklich. So glücklich, dass sie schneller wurde. Schneller und schneller. Sie kam im Dorf an und lief die Straße hinunter zu ihrem Haus.

   »Kira!«, hörte sie hinter sich.

Langsam drehte sie sich um, als ob sie bei etwas erwischt worden wäre. Es war Toby.

   »Hey!«, sagte sie und lächelte ihn an.

   »Ich wollte dich fragen«, sagte Toby, »ob du mit mir auf den Winterball gehen möchtest.«

Kira hatte damit gerechnet, und dennoch machte ihr Herz einen Sprung.

   »Ja. Klar, gerne!«

   »Gut«, sagte Toby und lächelte verlegen. »Ich hol dich dann ab.«

Er ging die dunkle Straße zurück, die Hände in den Hosentaschen. Kira wollte sich gerade umdrehen und weitergehen, als sie hinter sich rufen hörte: »Warum warst du eigentlich schon wieder im Wald?«

Kira schluckte, winkte ihm zu und ging dann rasch nach Hause.

 

Wie vertraut die beiden miteinander sprachen. Ich konnte selbst auf die Entfernung sehen, dass sie lächelte. Wütend ballte ich die Fäuste. Ich hätte ihr nicht nachgehen dürfen. Sie verabschiedeten sich und gingen in entgegengesetzte Richtungen. Ich war versucht, ihm nachzurennen und ihm meine eisharte Faust auf den Kopf zu schlagen. Mühsam beherrschte ich mich und zog mich in den Wald zurück.

 

Die Kälte schnitt ihr ins Gesicht, als sie durch den Wald rannte. Sie konnte es nicht mehr erwarten, sein Gesicht zu sehen. Seine kalten Hände in ihrem Gesicht zu spüren. In seine grauen Augen zu sehen. Über Nacht hatte es nicht mehr geschneit, doch der Wind war so kalt, dass ihr Gesicht prickelte. Sie erreichte die Lichtung und spürte die Angst, dass er nicht mehr da sein würde. Dass er ein Traum wäre. Ein Hirngespinst. Dass sie aufwachen würde, in ihrem Bett liegen würde, als hätte es ihn nicht gegeben.

Doch da stand er. Mitten auf der Lichtung. Er hatte die Augen geschlossen.

 

   ›Als würde er auf mich warten‹, schoss es ihr durch den Kopf. Sie lächelte und ging auf ihn zu. Er öffnete die Augen, und auf seinem Gesicht breitete sich ein Strahlen aus, dass es ihr ganz schwindelig wurde. Er öffnete den Mund, doch sie war schneller. Diesmal waren ihre Lippen vom Rennen aufgeheizt. Es brannte und zischte, als sie ihre auf seine drückte. Seine Lippen waren kalt, und sie versuchte, den Schmerz zu verdrängen.

 

   »Ich dachte schon, du kommst nicht mehr«, flüsterte er.

   »Das könnte ich nie«, sagte sie und lehnte ihren Kopf an seinen. »Aber wir müssen aufpassen, meine Familie wird schon misstrauisch.«

   »Kommst du morgen wieder?«

   »Nein, morgen geht nicht«, antwortete sie. »Da macht meine Schule einen Ball, und ich muss hingehen.«

   »Einen Ball?«, fragte er und sah sie verwundert an.

   »Ja. Dort tanzt man.«

Als er sie immer noch verständnislos anblickte, lächelte sie.

   »Der Mann legt seinen Arm um die Taille der Frau«, sagte sie und legte seine Hand auf ihre Hüfte. »Die Frau legt ihre eine Hand auf seine Schulter«, sagte sie und legte ihre Hand auf seine Schulter. »Und die andere«, sie nahm seine Hand in ihre. »Und dann drehen sie sich.«

Vorsichtig begann sie, mit ihm zu tanzen. Sie wiegten sich zu einer Melodie, die nicht existierte und doch da war. Sie lehnte ihren Kopf gegen seine Schulter. Obwohl Shiver nie gelernt hatte zu tanzen, war es perfekt.

   »Das macht Spaß!«, sagte er leise.

   »Ja, das tut es«, sagte sie und schloss die Augen.

Plötzlich versteifte er sich und schob sie von sich.

   »Was ist?«, fragte sie und streckte die Hände nach ihm aus.

   »Wer ist dein Mann morgen Abend?«, fragte er sie.

Kiras Kehle war auf einmal trocken. Sie blickte über seine Schulter und versuchte, nicht zu denken.

   »Toby. Mein bester Freund. Wir kennen uns schon sehr lange.«

Wieder streckte sie die Arme nach ihm aus, doch er wehrte sie ab.

   »Toby, den du gestern Abend auf der Straße getroffen hast?«

   »Ja. Ich … Woher weißt du das?«, fragte Kira und ließ die Arme sinken.

Shiver biss sich auf die Lippen.

   »Ich habe euch beobachtet«, sagte er leise und ließ seinen Blick über die Lichtung schweifen.

   »Was?«, fragte sie so leise, dass er sie kaum verstand.

   »Ich wollte dir nicht nachlaufen, Kira. Ich wollte nur sicher gehen, dass du gut nach Hause kommst. Ich finde nicht, dass du mit ihm gehen solltest«, fügte er hinzu.

   »Es geht jetzt nicht um Toby und mich!«, rief Kira.

   »Oh, doch, das tut es! Ich habe doch gesehen, wie ihr euch angesehen habt!«, rief Shiver.

   »Das tut nichts zur Sache. Du bist mir gefolgt, Shiver. Was machst du? Folgst du mir? Beobachtest du mich?«

   »Nein, so ist es nicht. Bitte, Kira! Ich will nicht, dass du mit ihm gehst!«

   »Was soll ich sonst tun? Mit dir gehen?« Die Worte waren heraus, bevor sie sie zurücknehmen konnte.

 »Shiver«, flüsterte sie. »Es tut mir leid!«

 »Bitte, Kira! Wenn du mit ihm gehst …dann …« Er suchte nach Worten. »Dann musst du nicht wiederkommen.«

Kira blickte ihm in die Augen. Dann drehte sie sich um und ging.

 

Ich stand da und blickte ihr nach. Meine Hände fühlten sich leer an. Und kalt. Meine Knie gaben nach, und ich stürzte in den Schnee. Die Reue packte mich und schüttelte mich durch. Was hatte ich getan?

 

   »Kira! Kira, Toby ist da!«

Sie polterte die Treppe hinunter. Das Kleid schmiegte sich eng an sie. Es war eisblau. So wie seine Lippen. Sie versuchte, nicht daran zu denken. Toby stand in der Haustür. In dem dunklen Anzug sah er viel älter aus. Ihr Vater half ihr in die Jacke, und ihre Großmutter wischte sich verstohlen die Augen.

   »Ihr beiden seht toll aus!«, sagte ihr Vater.

   »Danke, Dad!«, sagte Kira und lächelte Toby an.

   »Dann viel Spaß!«, sagte ihre Großmutter, und die Haustür fiel hinter ihnen zu.

   »Du siehst wirklich toll aus!«, sagte Toby und nahm ihre Hand. Kiras Herz schlug schneller.

 

Die Sterne schienen so fern. Heute Nacht schienen sie nicht für mich. Ich legte die Hand auf die Stelle, an der mein Herz sein sollte und versuchte, den Schmerz auszublenden. Dann setzte ich mich auf. Vielleicht war es noch nicht zu spät.

»Hey, schönes Mädchen«, sagte Toby und zog sie auf die Tanzfläche.

 

   »He!«, protestierte Kira. »Du bist der Gitarrist! Du kannst doch nicht einfach gehen!«

 

   »Doch. Wenn ich mit meiner besten Freundin und Tanzpartnerin tanzen möchte.«

Sie wiegten sich im Takt der Melodie. Kira fühlte sich schlecht. Sie wollte nach draußen gehen, in den Schnee und nach Shiver rufen. Doch hier, in Tobys Armen, war es warm, und sie fühlte sich geborgen. Es war so vertraut.

   »Ich liebe das Lied«, sagte Toby und sah ihr in die Augen. Langsam beugte er sich zu ihr hinunter und küsste sie. Kira hielt ganz still. Eigentlich hätte sie verwirrt sein müssen. Ihm sagen müssen, dass es nicht geht. Aber es war nicht verwirrend. Es fühlte sich richtig an. So vertraut. Als hätten sie nie etwas anderes getan. Tobys Lippen waren warm und sanft. Da tat nichts weh. Sie schlang die Arme um seinen Kopf und ließ sich von ihm tragen.

 

 

Das Fenster war gerade groß genug, dass ich hineinsehen konnte. Sie hatten die Halle mit künstlichen Blumen dekoriert. Ich suchte Kira in der Menge und entdeckte sie. Noch vor ein paar Minuten hatte ich mir ein Herz gewünscht. Jetzt wusste ich, dass ich eins hatte. Weil es in der Sekunde starb, als ich die beiden zusammen sah.

 

 »Heute ist ein guter Tag«, sagte Kiras Großmutter.

   »Ja, ist es«, stimmte Kira ihr zu.

Eine Woche war seit dem Ball vergangen. Toby wollte heute mit ihr Schlittschuh laufen gehen, und sie freute sich sehr darauf. Wenn sie jetzt mit ihm zusammen war, dann wusste sie, dass es richtig war, es schon immer so geplant war.

   »Was macht ihr beide heute, du und Toby?«, fragte ihre Großmutter.

Es wusste längst das ganze Dorf Bescheid.

   »Wir wollen Schlittschuh laufen gehen«, sagte Kira und rührte den Teig noch einmal um.

Sie kochten.

   »Das ist aber keine gute Idee«, sagte ihre Großmutter und packte Kira am Arm.

   »Warum nicht?«, fragte Kira und hätte fast den Löffel fallen gelassen.

   »Schau aus dem Fenster! Heute wird es warm. Es ist schon warm. Eis und Schnee sind am Schmelzen. Die Sonne scheint! Versprich mir, dass du nicht mehr aufs Eis gehst!«

Kira stand da, und Wellen des Schocks brachen über sie herein.

   »Ja, mache ich.«

Sie legte den Löffel auf den Tisch.

   »Ich muss es nur noch Toby sagen«, rief sie und rannte los.

Sie schlüpfte in ihre Stiefel und war auch schon aus der Tür draußen.

 

Licht. Hitze. Schmerz. Ich hatte es seit Tagen gespürt. Meine Haut brannte. Ich schrie. Doch alles, was danach kommen würde, wäre besser. 

 

Er lag auf der Lichtung. Seine weiße Haut war bräunlich und fleckig. Er bewegte sich nicht.

   »Shiver!«, schrie sie und rannte zu ihm hin.

Es war warm, doch ohne Jacke brannte der Schnee auf ihrer nackten Haut. Sie fiel neben ihm nieder und rüttelte ihn.

   »Nein! Nein! Bitte!« Ihre Schreie hallten über die Lichtung.

Sie packte ihn und schleifte ihn mit aller Kraft unter einen Baum. Im Schatten war es kühl, und sie begann, ihn mit matschigem Schnee einzureiben. Er regte sich leicht.

   »Kira!«, flüsterte er.

   »Ja! Ich bin da, Shiver. Hör mir zu: Ich muss dich auf den Gipfel hoch bringen. Dort ist es kalt. Du könntest dort leben! Aber du musst mir helfen! Ich kann dich nicht alleine hoch bringen!«

   »Nein. Nein, Kira, hör mir zu: Ich habe dich und Toby gesehen. Ihr passt perfekt zueinander. Ich will nicht irgendwo dort oben leben. Ohne dich!« Er keuchte. »Nur eine Bitte: Bleib bei mir! Ich will nicht alleine sein.«

   »Nein. Nein, bitte, Shiver!«, flüsterte sie, und Tränen strömten über ihr Gesicht. Sie gruben kleine Kuhlen in Shivers Gesicht.

   »Es ist in Ordnung. Schon in Ordnung.« Er strich mit seiner Hand über ihre Wange. »Und jetzt gehen wir wieder in die Sonne.«

Es dauerte eine Weile, bis Kira ihn in die Sonne gezogen hatte. Sie kniete sich neben ihn und wiegte ihn in ihren Armen.

   »Vergiss mich nie, Kira. Bitte!«, seufzte er.

   »Nein. Niemals!«, wimmerte sie.

 

 

Der Schmerz wurde unerträglich, und dann war er verschwunden. In ihren Armen war es warm, doch es kümmerte mich nicht.

 

   »Leb wohl, Kira. Ich liebe dich!«, flüsterte ich. Dann schloss ich die Augen und ließ los.

 

 

Sein Kopf rollte zur Seite und blieb leblos liegen.

 

   »Nein!« Ihre Stimme überschlug sich. »Nein!«

Sie packte seinen Oberkörper und zog ihn zu sich heran. Weinend wiegte sie ihn hin und her.

 

Als sie die Augen öffnete, lag sie in der Mitte eines Schneehaufens. Zu ihren Füßen lagen zwei kleine Steine. Sturmgrau.

 

 

 

20 Jahre später …

 

 

 

Schnee fiel, doch im Wohnzimmer war es warm. Es roch nach Vanille und Tanne. Susan und Marlon schmückten den Weihnachtsbaum. Kira hatte ihren Kindern geholfen, doch nun stand sie am Fenster und sah hinaus in die Nacht. Es war lange her. Doch sie hatte nicht vergessen.

 

Toby schlang die Arme von hinten um sie und küsste ihren Nacken.

   »Woran denkst du?«

   »Nichts«, flüsterte sie, drehte sich zu ihm herum, und er nahm sie in seine wärmenden Arme.

 

 

 

 

 

 

 

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